Zehn Jahre ohne Internet: Ein Ex-Gefangener erlebt den digitalen Wandel

Was verändert sich durch die Digitale Revolution? Stellen Sie sich vor, Sie wären 2004 in einen tiefen Schlaf gefallen und nach 10 Jahren, im Jahr 2014, wieder aufwachen. So etwas ähnliches ist Daniel Genis passiert. Der amerikanische Autor war ganze 10 Jahre im Gefängnis und hatte kaum Zugang zum Internet. Nach seiner Entlassung im Jahr 2014 schreibt er über die Veränderungen in diesen zehn Jahren.

Die Geschichte der Haftstrafe von Daniel Genis könnte aus einem Film von Woddy Allen stammen. Genis war Autor und Verlagsmitarbeiter und nach seinem Studium an der Columbia University eigentlich dabei, sich beruflich zu etablieren. Leider kam ihm dabei seine Heroinsucht in die Quere. Wie wir spätestens nach dem Tod von Philip Seymour Hoffman wissen, war Heroin in New York nie wirklich weg gewesen, Konsumenten gibt es anscheinend in allen gesellschaftlichen Schichten. Und so musste auch Daniel Genis mehr und mehr Geld aufbringen, um seine Sucht zu finanzieren, was ihm schon bald auf legalem Wege nicht mehr gelang. Er verlegte sich auf Raubüberfälle, die er sehr dilettantisch mit einem Taschenmesser ausführt und wurde kurz darauf gefasst.

Auf die Festnahme folgte eine harte Haftstrafe, trotz seiner offenkundigen Reue saß Daniel Genis ganze zehn Jahre in einem Gefängnis mit nur sehr eingeschränkten Internetzugang. So schlecht er als Räuber war, als Schriftsteller ist er viel besser. Nach seiner Entlassung 2014 schrieb er mehrere Artikel über seine Zeit im Gefängnis und auch über den digitalen Wandel, den er hinter Gittern verpasst hatte (Daniel Genis: In der Zelle den digitalen Wandel verpasst, Süddeutsche Zeitung, 04. Januar 2015).

Die Bilanz der Veränderungen

Seine Bilanz der Veränderungen ist ziemlich interessant. Natürlich gibt es offensichtliche Veränderungen, wie Smartphones und Social Media Plattformen, aber der digitale Wandel in den letzten zehn Jahren ist nach den Beobachtungen Daniel Genis sehr viel subtiler. Was ist ihm nach seiner Zeit im Gefängnis aufgefallen?

  • Smartphones, Touchsceens und Wischgesten: Touchscreens sind als Massenphänomen relativ neu. Smartphones kommen erst ab 2007, mit dem ersten IPhone, auf den Massenmarkt.
  • Facebook, Youtube, Social Media: Facebook gibt es seit 2004, Twitter und Youtube seit 2006. Social Media, heute eine ziemlich wichtige Kommunikationsform ist also gerademal zehn Jahre alt.
  • Netflix und Streamingdienste: Auch das sind relativ neue Entwicklungen. Streaming wird erst mit Youtube populär. Netflix ist zwar ein klassische “New-Economy” Unternehmen, gegründet im Jahr 1997. Aber erst seit 2007 bietet das Unternehmen auch File on demand über Streaming an.
  • Online-Dating für spezifische Zielgruppen: Generell scheint für Genis 2004 Online-Dating noch kein Thema gewesen zu sein. Im Jahr 2014 fallen ihm in New York die spezialisierten Dienste an: Online Dating für Bisexuelle oder Agenturen, die auf  Seitensprünge für Verheiratete spezialisiert sind.
  • Bilder und Videos im Internet: Ein etwas subtilerer Punkt, aber Genis bemerkt die Bilderflut im Internet. In den letzten zehn Jahre habe sich das Internet sehr stark von einem Textmedium zu einem multimedialen Medium weiterentwickelt.
  • Persönliche Informationen im Internet: Genis fand es bemerkenswert, dass man im Jahr 2014 Personen zu googelt. Wir sind heute natürlich mit den sozialen Netzwerken und den verschiedenen Informationen, die wir auf Seiten hinterlassen sehr viel transparenter als vor zehn Jahren.
  • Entwertung seines erworbenen Wissens: Am Ende seines Artikel beschreibt er die Entwertung seines Wissens. Er hat in den späten 1990ern studiert, seine Kenntnisse, die er mühsam erworben hat, könne man heute einfach über Wikipedia oder andere Quellen im Internet beziehen.

Der Artikel von Genis ist wirklich lesenwert, es gibt für Genis natürlich noch andere gesellschaftliche Veränderungen, die ich in der Liste ausgelassen habe. Der Umgang mit Homosexuellen habe sich entkrampft und Barack Obama, als erster schwarzer Präsident, ist für Genis nach wie vor eine kleine Sensation. Für den digitalen Wandel zeigt der Text ganz gut, wie schnell viele Entwicklungen vor sich gehen und wie stark das Internet auf unseren Alltag wirkt. Ich finde es bemerkenswert, dass diese Liste der neuen Entwicklungen bereits auch eine Liste mit alltäglichen Gewohnheiten ist, vor allem wenn man das Smartphone denkt oder wie selbstverständlich wir heute auf Informationen zugreifen.

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Diese Perspektivierung der digitalen Technik bringt für mich vor allem mehr Realitätsbezug für netzpolitische Debatten. Genis hilft einen anderen Blick auf die “langsame” Politik, Gesetzgebung oder die Gesellschaft zu werfen. Die Entwicklung ist einfach extrem schnell und ich denke, es ist realistisch, dass wir als Gesellschaft auch Zeit brauchen, um mit dem digitalen Wandel umzugehen. Die vieldiskutierten Phänomene der Digitalisierung, etwas das Thema Datenschutz, intellektuelles Eigentum oder die Informationsüberflutung sind erst in den letzten Jahren zu gesellschaftlichen Themen geworden. Dass wir in den öffentlichen Diskussionen oder in der Gesetzgebung manchmal hinterherhinken ist schlicht normal bei dieser Geschwindigkeit des digitalen Wandels. Genis Geschichte hilft dabei, etwas mehr Geduld aufzubringen und besser zu verstehen, dass wir uns in einem umfassenden Wandlunsgsprozess befinden.

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

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