Warum wir eine neue Vision der Digitalisierung brauchen

Die Digitalisierung war und ist eine Geschichte großer Visionen und Utopien. Aus den Visionen von einst sind neue Realitäten geworden und große Firmen, die die Regeln der digitalen Welt dominieren. Wir brauchen heute eine neue Vision der Digitalisierung, die nicht nur die Interessen der Internet-Konzerne berücksichtigt.

Das Cluetrain-Manifest gilt als ein Gründungsdokument des Silicon Valley mit prophetisch-utopischem Gestus. Die Autoren skizzieren Ende der 1990er-Jahre die Entwicklung der sich anbahnenden Informationsrevolution. Hier werden schon große Veränderungen angedeutet, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche, die man heute als disruptive Veränderungen bezeichnen würde. Vor knapp 20 Jahren waren sich die Pioniere des Internetzeitalters schon klar über die fundamentalen Veränderungen, die mit der digitalen Kommunikation Einzug halten würden.

Diese inzwischen klassische Utopie des Informationszeitalters aus den 1990er-Jahren beinhaltet drei Visionen.

  • Die Informationen werden befreit: Diese Vision betrifft die Verbreitung von und den Zugang zu Informationen, das wurde bereits vor zwanzig Jahren vorweggenommen. Nicolas Negroponte sieht in seinem klassischen Werk Being digital einen individualisierten und stark vereinfachten Informationszugang als zentrales Thema des Informationszeitalters. Aus der Perspektive der 1990er- Jahre hatte Negroponte schon die Vision, dass die Informationen und Nachrichten in Zukunft stärker individuell zusammengestellt werden (Dayly Me).
  • Die Wirtschaft wird digital: Die zweite klassische Utopie des Internetzeitalters betrifft die Wirtschaft. Schon in den frühen Visionen zum Informationszeitalter hatte die Digitalisierung Auswirkungen auf die Wirtschaft. Es entstehen digitale Geschäftsmodelle, Märkte werden über das Internet organisiert und die klassischen Vertriebsformen kommen unter Druck. Damit gehört eigentlich schon das Schumpeter’sche Ideal der schöpferischen Zerstörung (Disruption) zu den Grundideen des Informationszeitalters.
  • Eine neue Kultur: Die letzte Utopie betrifft die Kultur und die Kommunikation. Die frühen Visionen einer digitalen Welt sahen das Potenzial für eine unmittelbare Kommunikation zwischen Einzelnen, zwischen Organisationen und Unternehmen. Mehr Beteiligung und mehr Austausch wurden als Mittel zur Demokratisierung verstanden, mit emanzipatorischem Potenzial. Mit dem Informationszeitalter sollte auch ein Zeitalter kommen, in dem sich die Menschen stärker und intensiver austauschen und eine Kultur der Unmittelbarkeit entstehen.

Diese Utopien haben sich zum Teil bewahrheitet. Am deutlichsten sicher die Hoffnungen auf die Verbreitung von Informationen. Es ist heute viel einfacher, an Informationen und Daten zu kommen als vor 20 Jahren. Auch die wirtschaftliche Utopie des Informationszeitalters hat sich zum Teil bewahrheitet. Wir erleben tatsächlichen großer Umbrüche. Die Musikindustrie, Zeitungen, Fernsehen und Kommunikationsanbieter mussten sich auf neue Geschäftsmodelle einlassen, das Internet ist für Unternehmen heute nicht mehr wegzudenken.

Nach gut 20 Jahren sehen wir diese Utopien etwas nüchterner. Manches hat sich tatsächlich bewahrheitet, vieles nur zum Teil oder auch nicht. Die Kommunikation hat zugenommen, mehr Kommunikation muss aber nicht unbedingt zu einer Demokratisierung führen oder zu einem stärkerer Austausch. Heute werden auch die negativen Seiten der Kommunikation im Internet sichtbar. Das Internet hat auch einen rüden Umgangston und das Phänomen der Filterblase mit sich gebracht. In einer sich selbst bestätigenden Kommunikationsblase, wie häufig auf Facebook, werden Meinungen gegenseitig bestärken und der Austausch mit Andersdenkenden findet eben nicht statt. Interessanter aber als die Buchführung über tatsächliche Umsetzungen von Utopien, ist aber das Menschenbild des Silicon Valley.

Das Menschenbild der Internet-Utopien

Auffällig an den frühen und heutigen Digital-Utopien ist die Blindheit gegenüber sozialen und gesellschaftlichen Fragen und ein ungebrochenes Vertrauen auf technische Lösungen. Man könnte es eine Mischung aus libertär-neoliberalen und technokratischen Elementen nennen, für die schon der Begriff „Solutionism“ geprägt wurde. Waren in den 1990er-Jahren die eher neoliberal-libertären Elemente der Zukunftsvisionen stärker ausgeprägt (offene Märkte, mehr Wettbewerb), haben heutige Utopien des digitalen Zeitalters einen stärker sozialen Touch und betonen die technische Vernetzung (Internet of Things).

Hinter all den Visionen bleibt aber der Mensch vor allem Marktteilnehmer, für den durch große Konzerne vielleicht nur ein paar Brotkrumen abfallen. Trotz sozialer und emanzipatorischer Rhetorik hat etwa die Sharing-Economy mit Uber und AirBnB zwei Konzerne hervorgebracht, die zu Recht in letzter Zeit in die Kritik gekommen sind. Uber wird wegen schlechter Bezahlung kritisiert, genauso Air B’n’B wegen Wettbewerbsverzerrungen und Dumpingpreisen. Was also auf den ersten Blick als soziale Mitmachökonomie erscheint, ist in beiden Fällen ein aggressiver Wettbewerb, bei dem klassischen Geschäftsmodelle mit niedrigen Preisen angegriffen werden. Die neoliberale-libertäre DNA des Silicon Valley lebt im Geschäftsmodell von Uber und AirBnB weiter.

Das ist bei vielen Internet-Konzernen der Fall. Sie versprechen eine andere Form von Wirtschaft, eine neue Art der Ökonomie und am Ende steht nichts anders als ein Geschäftsmodell, bei dem die geringen Kosten für digitale Dienstleistungen strategisch ausgenutzt werden, um sich Märkte zu erobern. Ich bin der Auffassung, dass wir heute eine neue Utopie und Vision der Digitalisierung brauchen, die darüber hinausgeht, neue digitale Märkte zu entwickeln. Eine Vision, die nicht alles auf technische oder ökonomische Fragen verengt.

Eine neue Vision der Digitalisierung

Ich halte die Fortschritte und die Entwicklung der Kommunikation in den letzten Jahren für wichtig, die Digitalisierung bringt meiner Ansicht nach viel mehr Chancen als Risiken. Eine neue Vision der Digitalisierung könnte stärker davon ausgehen, was Digitalisierung tatsächlich positiv verändert. Diese Vision könnte an den emanzipatorischen Diskurs der frühen Internet-Utopien anschließen.

Mein Vision für die Digitalisierung würde stärker berücksichtigen, wie digitale Technik das Leben tatsächlich verbessern kann. Mir kommt zunächst das Thema digitales Lernen in den Sinn, hier bedeutet die Digitalisierung für eine breite Massen einen Fortschritt. Digitales Lernen senkt die Zutrittshürden für höhere Bildung. Die Idee einer neuen Vision für die Digitalisierung könnte genau darin liegen, wie sie die Entwicklung der Nutzer fördert. Bringen die Techniken etwas, was verbessern Sie? Wie werden Menschen klüger, besser vernetzt und können mit digitaler Technik Ihr Leben besser gestalten? Das wäre im Fokus für eine neue Vision der Digitalisierung, die menschliche Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten in den Vordergrund stellt.

Eine Vision der Digitalisierung würde sich aus der technischen Blase heraus auf die tatsächlichen Effekte von Technik einlassen. Informationstechnologie könnte in einer solchen Vision zum Mittel für einen Wandel oder eine Verbesserung der Lebensumstände werden. Und auch für diese Vision der Digitalisierung gibt es Beispiele. Vor allem soziale Unternehmen und Initiativen, wie die Khan-Academy, die Kiron-University oder Startsocial zeigen, welches Potenzial noch im Internet und welche Möglichkeiten die neuen Kommunikationstechnologien bieten. Das wäre eine Vision der Digitalisierung, die den emanzipatorischen Gedanken der Informationstechnik wesentlich mehr berücksichtigt.

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

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