Warum uns die Computer das Denken nicht abnehmen

Japan Denken / Quelle: Pixabay / CC0

Die digitale Revolution macht inzwischen auch vor Wissensarbeit nicht mehr Halt. Viele Tätigkeiten im Büro könnten in Zukunft von intelligenten Algorithmen erledigt werden. Die Computer nehmen uns dennoch das Denken nicht ab, werden aber das Wesen der Arbeit verändern.

Die Entwicklung der Computerintelligenz in den letzten Jahren ist beeindruckend. Schon vor einigen Jahren beschrieb Mercedes Bunz in ihrem Buch Die stille Revolution Algorithmen, die einfache Sportberichte verfassen. Mit Satzbausteinen und der automatischen Auswertung von Spielberichten im Internet können diese Programme eigenständig Spielberichte schreiben. Eine ähnliche Technik verwendet die Textagentur Aexea, die mit einem Programm automatisierte Produktbeschreibungen erstellt. Auch einfache Datenauswertung in Anwaltskanzleien werden inzwischen von Maschinen erledigt. Und Anfang des Jahres schlug ein Computer einen Großmeister in Go. Das asiatische Brettspiel ist bekannt für seine Komplexität und strategische Vielschichtigkeit. Wegen der vielfältigen Zugmöglichkeiten scheiterten Computer bislang an dem Spiel, selbst die besten Go-Programme konnten bis vor kurzer Zeit nicht mit menschlichen Profispielern mithalten. Die Google-Software AlphaGo, ursprünglich von DeepMind entwickelt, schlug nun den Spitzenspieler Lee Sodol eindeutig mit 4:1. Computer sind also mehr und mehr in der Lage, kognitive Leistungen zu vollbringen, zu denen lange Zeit nur der Mensch in der Lage war.

Die Zukunft der Arbeit hat begonnen

Diese Formen der künstlichen Intelligenz und der Digitalisierung werden sicher Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Die meisten Spekulationen über die Zukunft der Arbeit drehen sich darum, ob und wie die Digitalisierung zu mehr Arbeitslosigkeit führt. Manche Experten wie Patrick Späth sehen die Massenarbeitslosigkeit zurückkommen. Nach verschiedenen Schätzungen sollen bis zu 5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet sein. Manche Autoren gehen gleich so weit, der Menschheit eine Zukunft als Konsumenten automatisiert produzierter Gütern zu prophezeien, das wäre die düsterste Variante. Selbst aus den USA, eigentlich ein Land, das dem Fortschritt unbedingt positiv gegenübersteht, kommen inzwischen kritische Töne. Mit The Rise of the Robots ist in den letzten Jahren ein ungewohnt kritisches Buch zu den aktuellen Entwicklung der Digitalisierung erschienen. Laut Washington Post führe die weitere Digitalisierung und Automatisierung zu Massenarbeitslosigkeit und fortschreitender Verelendung.

Sicher werden intelligente Computersysteme Auswirkungen auf die Arbeit der Zukunft haben. Meiner Ansicht nach ist aber diese Verengung der Diskussion auf den Effekt der Arbeitslosigkeit viel eher ein Indiz für eine narzisstische Kränkung. Der Mensch definiert sich sehr stark über seinen Intellekt, über die kognitiven Fähigkeiten. Der Geist war in der Philosophie traditionell das Merkmal, das den Menschen vom Tier unterschied. Wenn nun die Computer anfangen genauso intelligent wie die Menschen zu werden – was bleibt dann noch für uns? Bei einem genaueren Blick auf das, was Computer heute leisten, sind intelligente Algorithmen bis jetzt aber weit davon entfernt, das menschliche Denken zu simulieren oder gar zu ersetzen. Allerdings wird sich mit der Digitalisierung die Arbeit stark wandeln und hier liegt die Chance dieser Entwicklung. Wir können mit der Digitalisierung zu einem humaneren Verständnis von Arbeit gelangen, im günstigen Fall ermöglicht uns digitale Technik eine sinnvollere Arbeit als heute.

Auf der schiefen Bahn der Computer-Gehirn Analogie

Um zu sehen, was die Zukunft der Arbeit sein könnte und was das menschliche Denken ausmacht, lohnt es sich, tiefer in den Vergleich zwischen Mensch und Maschine einzusteigen. Ein Teil der Angst vor den Robotern und Computern rührt daher, dass wir unwillkürlich dazu neigen, unser Gehirn mit einem Computer zu vergleichen. Die Aufregung um die intelligenten Computer liegt meiner Ansicht nach auch daran, dass man schnell den Eindruck bekommt, die Computer würden das Denken schon bald ersetzen können. Auf diese Idee kann man kommen, wenn man Computer und Denken einfach gleichsetzt und das ist meiner Meinung nach nicht zutreffend.

Dieser Vergleich und diese Ähnlichkeit ist genau besehen nichts mehr als ein Konstrukt, eine Metapher, die dazu genutzt wurde, das Gehirn zu verstehen. Robert Epstein beschrieb in seinem lesenwerten Artikel The empty Brain die Analogie zwischen Computer und Gehirn. Das menschliche Gehirn wurde immer schon mit den neusten Techniken verglichen und der letzte Stand ist der Vergleich von Gehirn und Mensch, der auf John von Neumann, The Computer and the Brain zurückgeht. Nach diesem Vergleich ist das menschliche Gehirn nichts anderes als eine große Rechenmaschine, die Inputs verarbeitet. Unser Denken und unser Geist sind in diesem Modell nichts anderes als eine große Rechenmaschine, die mit Hilfe verschiedener Algorithmen arbeitet. Diese Metapher ist sehr wirkungsvoll gewesen, sie ist aber nur ein Bild, nur eine Metapher.

In manchen Bereichen funktioniert das Gehirn tatsächlich wie eine Rechenmaschine, aber in anderen nicht. Das Modell passt gut, wenn wir mathematische Fähigkeiten oder logisches Denken betrachten, aber der Geist kann sehr viel mehr. Typisch für den menschlichen Geist sind genauso Vergleiche, Metaphern und eine starke Selektion der Wahrnehmung. Wir nehmen nicht nur einfach etwas wahr, sondern formen diese Etwas auch beim Akt der Wahrnehmung sehr stark um. Wir entwickeln dazu neue Kategorien, verwenden Vergleiche und Metaphern und neue Regeln, die Dinge zu verstehen. Diese Vorgehensweise haben Hofstadter und Sander in ihrem Buch Die Analogie: das Herz des Denkens beschrieben. Analogien, Metaphern neue Regeln werden vor allem in Kommunikationssituationen verwendet. Wir haben eben kein Set an festen Vorgehensweisen, keine Algorithmen, mit denen wir eine Situation beurteilen. Wie interpretieren im Gespräch ständig, wir deuten Situationen um, verändern Bedeutungen und Sichtweisen.

Und das ist eine unglaubliche Stärke! Denn sie erlaubt vieles, was der Computer eben nicht kann. Das Gehirn ist viel stärker ein offenes psychisches und physisches System, das mit seiner Umwelt umgeht und dabei denkt und lernt. Das ist der große Unterschied zum Computer. Der Go-Algorithmus ist zwar sehr stark im Go, kann aber beispielsweise nicht entscheiden, dass er kein Go spielen möchte. Die Intelligenz des Computers spielt sich bis jetzt immer in engen Grenzen ab. Trotz der Lernfähigkeit sind es doch immer nur Algorithmen, die das machen, was der Erschaffer vorgibt. In diesem Bereich ist der Computer jetzt schon fast unschlagbar. Wenn es um offene Fragen geht, um offenes Denken, dann nicht. Immer dann, wenn es darum geht, ein Ziel erst zu finden, außerhalb eines vorgegebenen Rahmens zu denken, bei Interpretationen, bei der Einordnung von Situationen, bei Kommunikation, ist der Mensch unersetzbar. Thinking outside the box.

Digitalisierung und die Arbeit der Zukunft

Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Mark Twain

Ich kann leider keine Zahlen zur digitalen Arbeitslosigkeit präsentieren oder die Entwicklung der Arbeitswelt prognostizieren. Aber die Beobachtung zum menschlichen Denken weisen auf einige Trends hin, in die sich die Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung entwickeln könnte. Die Entwicklung, die wir gerade erleben, spricht dafür, dass vor allem standardisierbare Tätigkeiten mehr und mehr von Computern übernommen werden. Das zeichnet sich ab, wenn Computer auch im Büro einfache Aufgaben übernehmen können. Datenauswertung, Prozesse, einfache Managementaufgaben oder einfache juristische und administrative Entscheidungen werden wahrscheinlich in Zukunft von Computern erledigt werden. Folgende drei Trends sind also wahrscheinlich:

  1. Die Wissensarbeit wird anspruchsvoller. Für die Wissensarbeit gilt sicher, dass sie in Zukunft anspruchsvoller wird. Wenn die einfachen Tätigkeiten vom Computer übernommen werden, verschieben sich die Tätigkeiten. Anstatt einfacher Datenauswertung nachzugehen, werden Menschen vielleicht eher den Trend, die Zahlen zu interpretieren oder Strategien entwickeln. Die Menschen werden also wahrscheinlich eher die anspruchsvollen Aufgaben erledigen, das bedeutet auch, dass höhere Qualifikationen gefragt sein werden.
  2. Offenes Denken, Kommunikation und Beratung werden wichtiger. Vermutlich verschiebt sich die Aufgaben von den administrativen Jobs hin zu mehr Beratung und Kommunikation. Basale Aufgaben, in der Sachbearbeitung oder administrative Aufgaben werden die Computer übernehmen. Das muss nicht mehr Arbeitslosigkeit bedeuten, aber die Arbeit wird eine andere. Ich vermute, dass kommunikative oder beratende Tätigkeiten wichtiger werden. Wenn ein Steuerberater in Zukunft immer einfacher mit einem Computer das passende Steuermodell per Knopfdruck ausrechnen kann, dann wird seine Tätigkeit vielleicht stärker einen beratenden Charakter bekommen. Wenn die Computer weltweite Zusammenarbeit möglich machen, dann gewinnen interkulturelle Kompetenzen und Kommunikation an Bedeutung.
  3. Wir werden sehr eng mit dem Computer zusammenarbeiten. Vermutlich wird die Zusammenarbeit mit dem Computer sehr viel enger sein als heute. Anstatt Software anzuwenden oder Programme zu bedienen, werden wir vermutlich stärker auf Expertensysteme zurückgreifen, die bestimmte Aufgaben für uns erledigen und dabei sehr viel nahtloser arbeiten. Heute schon werden Systeme getestet, die natürliche Sprache verstehen und große Datenmengen in Unternehmen analysieren können. Der Einsatz solcher Expertensysteme könnte für Wissensarbeiter zum Alltag werden.

Diese drei Trends halte ich für wahrscheinlich und sie werden das Wesen der Arbeit verändern. Eine Entwicklung bleibt dabei gleich: Geringer Qualifizierte werden es in Zukunft schwer haben.

Fazit: Die gesellschaftlichen Folgen der digitalisierten Arbeit

Was passiert aber mit denen, die nicht mithalten können? Eines ist bei der Entwicklung allerdings klar, viele einfache Tätigkeiten werden überflüssig werden. Wenn sich selbstfahrende Fahrzeuge und Drohnen für Lieferdienste durchsetzen, dann wird das große Konsequenzen für die Logistikbranche haben. Und was passiert mit denen, die sich nicht anpassen können, mit denen die sich nicht höher qualifizieren können? Bildung könnte hier ein Weg sein, vielleicht müssen wir aber auch gesellschaftlich umdenken und deswegen ist dir Frage nach technologischer Arbeitslosigkeit selbstverständlich vollkommen legitim.

Ich möchte im nächsten Artikel die sozialen Folgen des digitalen Wandels besprechen und welche politischen und gesellschaftlichen Antworten es auf diese Veränderung gibt. Es lässt sich vieles gestalten. Ich glaube daran, dass wir als Gesellschaft mit den heutigen technischen Möglichkeiten die Arbeitswelt ein gutes Stück humaner machen können.

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

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