Social Media in der Wissenschaft

In der Wirtschaft und der Politik ist die Kommunikation im Web 2.0 inzwischen nicht mehr wegzudenken, doch für die Wissenschaft erschließt sich der Nutzen von Social Media nicht auf den ersten Blick. Gerade Freunde aus den Geisteswissenschaften sehen Social Media Angebote eher als Plattformen für Selbstdarsteller oder als Zeitverschwendung. Was bringt das Web 2.0 für den Wissenschaftler?

Sehr häufig stoße ich auf ein gängiges Vorurteil gegenüber dem Web 2.0., Twitter, Facebook und Blogs gelten vor allem als eines – Zeitverschwendung. Dieses Vorurteil ist vor allem bei Wissenschaftlern verbreitet, in der Wissenschaft steht man in einem harten Wettbewerb, ohne regelmäßige Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, ohne harte, jahrelange Arbeit an den Qualifikationsarbeiten gibt es keine Chance auf die begehrten Stellen.

Wozu also noch einen zusätzlichen Kommunikationskanal bedienen, der vor allem Zeit frisst? Was bringt das Web 2.0 dem Wissenschaftler, wenn die entscheidenden Kriterien für das berufliche Weiterkommen nach wie vor die Buchveröffentlichung oder die Veröffentlichungen in angesehenen Fachzeitschriften sind? Dieses Argument hat einiges für sich, ich werde weiter unten nochmals darauf eingehen.

Eine Einschränkung an dieser Stelle, mir geht es in diesem Artikel vor allem um den strategischen Einsatz von Social Media, nicht um den persönlichen Gebrauch. Das lässt sich zwar nicht ganz trennen, da berufliche und private Inhalte im Web 2.0 ineinander übergehen, Wiebke Ladwig weist in ihrem lesenswerten Artikel Ich habe viele Seiten – und ein Profil auf diesen Punkt hin. Auch wenn die Trennung in manchen Fällen unscharf wird, gibt es aber dennoch eine eher private oder eher berufliche Nutzung von Kommunikation im Web 2.0. Was bringt es also dem Wissenschaftler, einen eigenen Blog zu betreiben? Was bringt es, sich über Facebook, Twitter oder YouTube mit anderen auszutauschen und z. B. Diskussionen zu einzelnen wissenschaftlichen Schwerpunkten zu starten?

Fokussiertes, schnelles Arbeiten. Gerade beim Bloggen lernt man schnell Inhalte zu erfassen, zu strukturieren und Artikel zu verfassen. Da ein Blog eine gewisse Frequenz haben sollte, lernt man in kurzer Zeit Artikel zu den eigenen Themen zu veröffentlichen. Das Schöne an einem Blog ist, dass man nicht an die zeitraubenden Veröffentlichungsprozesse wissenschaftlicher Arbeiten gebunden ist, man kann also Ideen sofort mit anderen teilen (auch in Video-Form).

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Dadurch kann man auch im eigenen Arbeitsprozess schneller und konzentrierter werden, denn neben der Publikation am Ende einer Forschung bietet ein Blog zusätzlich die Möglichkeit, Zwischenergebnisse oder Ideen zu veröffentlichen und man kann im besten Fall von den Kommentaren profitieren. Das setzt allerdings auch ein etwas anderes Verständnis von Wissenschaft voraus, ein bloggender Wissenschaftler versteht Forschung eher als einen öffentlichen, transparenten Prozess (s.u.).

Das Video bildet einen Beitrag im Rahmen des Wettbewerbs “Fast Forward Science – der Wettbewerb für Wissenschaftsvideos”: Vom 13. Mai bis 31. August 2013 konnten Nachwuchswissenschaftler und Forscher ihre kurzen Videobeiträge zu wissenschaftlichen Themen über das Video-Portal YouTube einreichen. Zu gewinnen waren Preisgelder in Höhe von insgesamt 20.000 Euro. Beide Videos (sowohl das an dieser Stelle gezeigte Video, als auch das Video-Beispiel zu Beginn dieses Beitrags; Anm. der Redaktion) waren Wettbewerbsbeiträge beim „Fast Forward Science“-Wettbewerb. Hier ein Überblick zu den eingereichten Wettbewerbs-Beiträgen auf YoutTube in den Kategorien “Nachwuchswissenschaftler”, “Forscher”, “Kommunikation” und “Kontroverse Themen”.

Regelmäßig schreiben. Ein Blog ist eine niederschwellige Art des Schreibens. Sie können mit mit einem Wissenschaftsblog Themen entwickeln, Zwischenergebnisse verfassen, den Forschungsalltag beschreiben oder versuchen, andere Zielgruppen zu erreichen. Wofür man das Blog auch tatsächlich nutzt, welchen thematischen Zuschnitt man auch wählt, man kann durch Bloggen auf jeden Fall Schreiben lernen.

Ein Blog ist auch eine Selbstverpflichtung regelmäßig zu schreiben, dadurch kann man leichter die Hürde zur Veröffentlichung überwinden. Wir können Bloggen also auch als Trainingslager für das wissenschaftliche Schreiben betrachten. Vor allem aber können Sie mit einem Blog lernen, pointiert und prägnant zu schreiben – was nicht zu den Ausbildungsschwerpunkten deutscher Universitäten gehört.

Auf ScienceBlogs schreiben Forscher, was sie bewegt. Es geht u. a. um die Rolle der Wissenschaft in Politik, Religion, Philosophie, Kunst und Wirtschaft. Neben Texten werden auch Videos gepostet.

Denkwerkzeug. Dieses Stichwort habe ich von Christian Spannagel übernommen, Professor an der PH Heidelberg und selbst überzeugter Wissenschaftsblogger. Er bezeichnet Wissenschaftsblogs als Denkwerkzeuge, das heißt, sie sind im optimalen Fall öffentliche Notizbücher des Wissenschaftlers. Im Gegensatz zu einer Veröffentlichung kann ein Blog sozusagen einen Blick in die Werkstatt des Forschers geben: Ideen, Zwischenergebnisse oder Thesen können kommuniziert werden und werden im besten Fall kommentiert oder mit anderen Meinungen konfrontiert. Dadurch kann man bereits im Vorfeld einer Veröffentlichung verschiedene Meinungen und Ideen aufgreifen und verarbeiten.

Vernetzung. Ein letzter Punkt, der das Web 2.0 für Wissenschaftler zunehmend interessant macht, ist folgender: Social Media Angebote dienen nicht zuletzt der Vernetzung von Menschen. Gerade über Blogs, Twitter oder anderen Social Media Angebote können Sie sich mit Personen vernetzen, die ähnliche thematische Interessen und Schwerpunkte haben. Wir können so also einen lockeren Kontakt zu den Personen pflegen, die ähnliche wissenschaftliche Themen bearbeiten. Vernetzung ist heute sicher einer der Faktoren, die im wissenschaftlichen Alltag immer wichtiger werden: Neben der Publikationsliste spielt die gute Vernetzung eines Wissenschaftlers wahrscheinlich die wichtigste Rolle bei der Vergabe von Stellen.

Für mehr Experimentierfreude: Abschied vom Perfektionismus!

Blogs in der Wissenschaft erfordern allerdings einen etwas anderen Umgang mit Wissen und mit der Wissenschaft, als im klassischen Universitätsalltag. Blogs leben von der Meinung, der Person des Autors, auch mal von einer zugespitzten These. Blogtexte sind eben keine sorgfältig abwägende, fußnotenreiche Texte, die erst nach allergründlichstem Studium aller Aspekte eines Themas sich eine (vorsichtige) Aussage trauen.

Ein Blog bedient eine andere Kommunikation, es geht stärker um den Autor und dessen Meinung, damit ähneln sie eher mündlichen Statements auf Konferenzen. Das bedeutet auch, dass ein Blogartikel immer auch ein Kommunikationsangebot ist; er fordert vom Autor auch die Bereitschaft, in eine Diskussion zu gehen und auf andere Meinungen einzugehen: Offenheit und die Bereitschaft zum Dialog spielen dabei eine zentrale Rolle.

Das heißt auch, dass Irrtümer oder Zuspitzungen erlaubt sind, ein Blogtext ist eben keine perfekt abgewogene, „wasserdichte“ Veröffentlichung, sondern eher eine Momentaufnahme in einem Erkenntnisprozess. Social Media in der Wissenschaft bedeutet also auch, dem eigenen Forschungsweg, mit Hypothesen, Sackgassen und schrittweisen Erkenntnisgewinn ein Stück weit transparent zu machen.

Das kann ein Bruch mit der traditionellen Rolle des Wissenschaftlers sein. Wissenschaft wird durch Kommunikation im Web 2.0 ein Stück weit demokratischer und weniger exklusiv. Aber sollte das nicht gerade Wissenschaft ausmachen? Liegt da nicht gerade das Potential? Was wäre Forschung, wenn sie nicht in einem Diskurs stehen würde, wenn sie sich nicht traut, auch Fragen der Gesellschaft zuzulassen? Warum also nicht die Forschung und den eigenen Erkenntnisprozess einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen?

Wie sieht es aber mit dem Zeitfaktor aus? In welchem Verhältnis steht der Aufwand eines eigenen Wissenschaftsblogs zu den vielleicht wenigen Kommentaren? Als Wissenschaftler eine Web 2.0 Präsenz aufzubauen, bedeutet sicher einen Mehraufwand, den man aber relativ gering halten kann. Zum einen kann man die Zahl der Kanäle zunächst relativ gering halten und nur ein Blog, gegebenenfalls mit einer Facebookpräsenz starten. Wichtig bei einer Social Media Präsenz ist nicht so sehr, dass man besonders viel produziert, sondern dass man regelmäßig Beiträge verfasst.

Marc Scheloske: Transformationen der internen und externen Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Weblogs und andere from Two Antennas on Vimeo.

Für den Beginn reicht es sicher ungefähr jede Woche, oder alle zwei Wochen einen Beitrag zu verfassen. Diese Beiträge können auch relativ kurz gehalten sein. Wie das aussehen könnte, zeigt eines der meistgelesenen Wissenschaftsblogs im deutschsprachigen Raum: Astodicium simplex. Das Blog kommt auf eine sehr hohe Frequenz von Beiträgen, dabei verfasst der Autor – Florian Freistetter –, auch viele relativ kurze Mitteilungen neben längeren Artikeln.

Die verschiedenen Möglichkeiten für Wissenschaftler im Web 2.0 fasst Marc Scheloske in einem Vortrag zur Wissenschaftskommunikation gut zusammen, in dem Vortrag gibt es auch Hinweise dazu, wie man praktisch eine Webpräsenz aufbauen kann.

Wissenschaftskommunikation im Web 2.0 from Marc Scheloske on Vimeo.

Text: Michael Lindner

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. download Das Internet hat sich in der letzten Dekade grundlegend gewandelt. Es ist partizipativer geworden, denn die zahlreichen Social-Media-Anwendungen ermöglichen es den Internetnutzern, Inhalte aktiv mitzugestalten. Außerdem rücken soziale Beziehungen zunehmend in den Vordergrund, da die User durch die Öffentlichkeit im Internet und die Transparenz der Inhalte direkt miteinander interagieren können. Besonders das Schreiben von Web-Tagebüchern (Blogs), das Verfassen von Artikeln auf Wikipedia, das Hochladen von Open-Source-Software (z.B. sourceforge.org), das Bewerten von Produkten auf Verbraucherplattformen (z.B. ciao.de, qype.com), das Hochladen von Videos (z.B. youtube.com) und Fotos (z.B. flickr.com), der soziale Austausch mit Freunden in sozialen Netzwerken (z.B. Facebook), die Beteiligung an Foren und Chats oder der eher berufsbezogene Austausch (z.B. Xing, LinkedIn) erweitern und verändern das Medium Internet nachhaltig (zum Überblick Alby 2008; Ebersbach/Glaser/Weigl 2008; Münker 2009; Stegbauer/Jäckel 2008, auch Fraas/Meier/Pentzold 2012). Dieses „neue“, interaktive und partizipative Internet wird zusammenfassend als „Web 2.0“ (O’Reilly 2005) bezeichnet. Gegenwärtig werden (trotz zunehmend kritischer öffentlicher Kommentare und wissenschaftlicher Analysen, aktuell zum Beispiel Turkle 2012) vor allem dessen sozial produktive Potenziale und sein Charakter als soziale Innovation betont.

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  2. Im Rahmen des Projektes „FoodWeb2.0″ findet am 19. April 2013 eine wissenschaftliche Ergebnistransferveranstaltung statt, auf der neben den Ergebnissen des Projektes auch aktuelle Themen rund um die Forschung zum Thema Lernen im Web2.0 präsentiert und mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert werden sollen.

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  3. Ähnlich wie das gesteigerte Fahrvergnügen beim Auto nicht auf ein Weniger an Technologie zurückzuführen ist, tragen eine Reihe neuer Methoden und technologischer Designansätze dafür Sorge, dass sich das Web in großer Breite der Partizipation öffnet und zum „Mitmach“-Web avanciert. Benutzerfreundliche Schnittstellen und nutzerzentrierte Entwicklungsstrategien erlauben quasi jedem das, was vor ein paar Jahren nur dem technisch versierten Anwender vorbehalten blieb, zum Beispiel das Betreiben einer eigenen Webseite, heute oft in Form eines Blogs, oder das Austauschen von Materialien wie etwa den aktuellsten Vortragsfolien. Die niedrigere Zugangsschwelle, günstige und permanente Verbindungen ins Internet sowie eine insgesamt größere Nutzergemeinde bilden die Basis für neue soziale und technologisch getragene Anwendungen, wie etwa kollaboratives Schreiben, die Datenorganisation mit Hilfe von Tags oder die Nutzung der „Weisheit der Massen“. Um zu verstehen, wie das Web 2.0 funktioniert, wollen wir an dieser Stelle der Technik unter die Haube schauen und die einzelnen Ansätze beleuchten.

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