Selbstmanagement mit dem Web 2.0

Kann man Social-Media-Seiten für besseres Selbstmanagement nutzen? Die Frage scheint zunächst abwegig zu sein, Social Media gilt doch als Hauptursache für Zerstreuung, Ablenkung und Mangel an Konzentration vor allem bei den sogenannten digital natives. Aber welches Potential bietet das Web 2.0 für mehr Effektivität und bessere Zielverfolgung?

Kein moderneres Selbstmanagementsystem kommt ohne Hinweis auf das Ablenkungspotential des Internets aus, anscheinend schaffen es moderne „Informationsarbeiter“ nur durch mehr Selbstkontrolle weiter produktiv zu sein und nicht bei Facebook und Co. zu versumpfen. Und da ist ja auch was dran, wie viel mehr Spaß macht es, auf Twitter oder Facebook herumzusurfen, anstatt diesen Text endlich fertig zu schreiben.

Ich bin auf diese Fragen nach dem Potential des Web 2.0 für das Selbstmanagement durch das letzte Buch von Jeff Jarvis ‒ Mehr Transparenz wagen!: Wie Facebook, Twitter & Co die Welt erneuern , gestoßen. Insgesamt eine ziemliche eindimensionale Apologie von Social Media und der großen Transparenz, die durch das Web 2.0 entstanden ist.

Für Jarvis ist Transparenz buchstäblich die Lösung für alles, oder zumindest hätten wir ohne Transparenz sehr viel mehr Probleme als heute. Auch Minderheiten profitieren angeblich von größtmöglicher Transparenz. Denn nur so könnten diese auf ihre Lage aufmerksam machen und Stigmata abbauen, nur durch mehr Transparenz könnten also, so Jarvis, Vorurteile gegenüber Homosexuellen oder anderen Minderheiten abgebaut werden.

Die Twitter-Diät

Ein Beispiel für die positiven Seiten von Transparenz in Jarvis Buch war allerdings ziemlich interessant. Brian Stelter, ein Journalist der New York Times, wollte 2010 ernsthaft abnehmen und nutze dazu Twitter. Abnehmen mit Twitter funktioniert so: Stelter schrieb auf seinem Account seine Gewichtsziele und veröffentlichte dann täglich seine Mahlzeiten und das aktuelle Gewicht. Die gesamte Story gibt es hier: Tall Tales, Truth and My Twitter Diet.

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Das spannende an dieser Geschichte ist, dass Social Media hier genutzt wird, um Selbstkontrolle aufzubauen anstatt sie abzubauen. Was ist das Wichtigste bei guten Vorsätzen? Am wichtigsten ist, sie möglichst vielen Menschen erzählen, damit sie mehr Verbindlichkeit bekommen. Und genau so ging Brian Stelter vor: Anstatt die Diät mit sich selbst auszumachen und am Ende zu scheitern, teilte er sein Vorhaben vielen Personen mit. Und am Ende hatte er damit Erfolg, nach der „Twitterdiät“ hatte er insgesamt 75 Pfund abgenommen, das entspricht ungefähr 34 Kilogramm.

Diese Geschichte könnte auch eine Vorlage für andere Vorhaben sein. Anstatt irgendwelche Ziele (Sport, Arbeit, Studienende usw.) nur irgendwie zu verfolgen, könnte man seine persönlichen Ziele veröffentlichen und dann hätte man eine ganz andere Verbindlichkeit bei der Umsetzung. Man würde also die eigenen Teilziele, zum Studium, zur Arbeit oder sportliche Ziele einfach auf Facebook oder Twitter setzen und könnte auch jeden Tag oder jede Woche die Schritte aufschreiben, die man zur Zielerreichung geleistet hat. Mario Sixtus twittert beispielsweise regelmäßig über seine absolvierten Läufe, sein Profil auf Runtastic verzeichnet alle Läufe der letzten Zeit.

Meditieren und Ziele verwirklichen

Ein anderes Beispiel für mehr Verbindlichkeit durch Social Media ist der Hashtag #Wannasit. Unter diesem Hashtag sammeln sich jeden Tag Gruppen, die gemeinsam meditieren wollen.

Damit lässt sich eine größere Konstanz und Verbindlichkeit aufbauen, wie man sie alleine vielleicht nicht haben würde.

Ein letztes schönes Beispiel für Social Media als Werkzeug für das Selbstmanagement bietet das Blog „Lebe lieber literarisch“. Mareike Höckendorff stellte auf Ihrem Blog am 30. Juni konkrete Ziele vor, die sie die nächsten Wochen erreichen wollte. Das reicht von mehr Leser erreichen und eine bessere Diskussion zu haben bis zur stärkeren Konzentration auf wesentliche Themen. Am 19. Juli gab es die Auswertung und sie konnte sogar einige Strategien ableiten, wie sie ihr Blog weiter verbessern kann.

Text: Michael Lindner

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. Jaja, die Transparenz von Zielen kann schon sein gutes haben im www. Aber nicht nur da! Ich habe gehört, aber leider keinen Beweis gefunden, dass Subway schon wor Jahren sein Ziel eine gewisse Anzahl an Filialen zu eröffnen auf die Servietten druckte die in de einzelnen Restaurants auflagen. Das Ziel haben sie angeblich nicht nur erreicht, sondern sogar extrem überschritten.

    Ich denke es kann zur Motivation sehr positiv sein, seine Ziele zu veröffentlichen. Aber es stellt sich auf die Frage wie die Reaktionen ausfallen wenn man das Ziel verfehlt?

    Aber einen Versuch sein Ziel in einem Blog oder in den Sozialen Medien zu veröffentlichen kann schon was haben!

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    • Hallo Thomas,

      es ist generell eine Frage des Selbstmanagements, wie man mit Fehlschlägen umgeht. In den üblichen Ratgebern ist ja immer so schön von Ziele erreichen und Produktivität usw. die Rede und davon, wie man mit einigen einfachen Schritten das gesamte Leben umkrempeln kann. Weniger erfährt man darüber, was passieren soll, wenn etwas schief geht.
      Ich denke schon, dass ein offener Umgang mit Fehlschlägen sinnvoll ist, vor allem, wenn es konkrete Lernschritte gibt und es gelingt aus dem Scheitern zu lernen und in Zukunft besser zu werden. Auf einem anderen Blatt steht natürlich, dass Reaktionen auf Scheitern im Internet heftiger ausfallen können als im direkten Umfeld. Einen Versuch ist es also sicher wert, aber man braucht schon kommunikative Kompetenz dafür und sollte auswählen, welche Ziele man erreichen will. Es ist sicher kein Zufall, dass sowohl Jeff Jarvis (Mehr Transparenz wagen), als auch Brian Stelter Medienprofis sind, die sehr genau wissen, wie man sich selbst vermarktet und wie Öffentlichkeit funktioniert!

      Michael Lindner

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  2. Ich beantworte mal deine in der Zwischenzeit zurückgezogene Frage, habe die Antwort aber schon während des Tages geschrieben.

    Anfangs dachte ich, dass ich ja erst vor 4 Wochen mit meinem Blog begonnen habe und deshalb kaum relevante Gedanken bringen kann, wie z. B. die erfahrene Bloggerin in eurem Post, die als Ziel beschreibt 200 Besucher pro Tag zu haben. Aber vielleicht sind gerade Gedanken vom Anfang, aus der Sicht nach vorne – ohne Rückblicke mit schönen Ausmalungen – interessant.

    Vor 2 Jahren habe ich meine ersten Laufschuhe gekauft und wollte nur laufen. Hatte teilweise ideale Bedingen, hatte sportlichen Kumpel um die Ecke wohnen und in meiner WG war ein sportlicher Physiotherapeut, aber bin nie länger wie 2 Wochen durchgelaufen, ich glaub ich wollte mich nur dranhängen und war mehr oder minder Konsument.

    Seit dem Blogstart laufe ich schon seit über 4 Wochen, das ist ein Riesenerfolg und bin noch immer hochmotiviert. Das liegt wohl am eigenen Engagement und auch das ich mich so mit vielen Dingen auseinandergesetzt habe und mir andere Blogger Tipps gegeben habe, die Wirkung zeigen. Auch die Scheinöffentlichkeit, in der ich mich mit dem Blog befinde gibt einen gewissen Ansporn. Ansonsten ist es wirklich so, wie ihr es in eurem Artikel beschrieben ist.

    Das bloggen an sich ist natürlich auch eine wirklich spannende Erfahrung. Aber auch die Zukunftsperspektive gibt mir Motivation, vielleicht laufe ich ja in paar Monaten bei Volksläufen oder Wettkampf mit und habe dann für Menschen die ich da kennenlerne eine Anlaufstation und kann ihnen mitteilen, in welchem Laufstadium ich mich befinde….

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    • Meine Frage lautete: Inwieweit kann das Betreiben eines eigenen Blogs mit dementsprechenden Inhalten dazu beitragen, die eigene Motivation zu steigern und solche Ziele umzusetzen, wie etwa das regelmäßige Joggen. Meine Frage hatte ich deshalb in der Zwischenzeit zurückgezogen, weil ich nicht mehr mit einer Antwort gerechnet habe. Daher freue ich mich über diese Antwort. Was mir bei Deinen Ausführungen auffällt, ist die Frage nach der eigenen Persönlichkeit: Ich glaube tatsächlich, dass es darauf ankommt, ob man als Persönlichkeit in der Verfolgung von bestimmten Zielen eher auf Feedback von außen reagiert oder eher nicht. Ich zum Beispiel laufe jetzt auch in etwa seit einen halben Jahr (nachdem ich einige Jahre nicht mehr regelmäßig gelaufen bin) und werde im Oktober in Köln an einem Halbmarathon teilnehmen. Bis dato habe ich diese Aktion allerdings noch nicht weiter öffentlich publik gemacht … daher ein wirklich spannendes Thema!

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      • Ich muss auch mal ein Tool finden, das mir anzeigt ob ein neues Kommentar hinzugefügt wurde, bisher schaue ich diesen Blog „zu Fuss“ nach.

        Mit der Tendenz Richtung dependen Persönlichkeit könntest du Recht haben, ein intressanter Gedanke dem ich mehr nachgehen werde. Seitdem ich mit der Verhaltensökonomie (Kahnemann) befasse, gehe ich sowieso davon aus das wie depender sind -quasi Herdentiere- als wir es wahrhaben wollen und versuche natürlich dieses Potential zu nutzen.

        Sport und Laufen ist allgemein positives Thema! Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem Halbmarathon in Köln, vielleicht laufe ich in 1 – 2 Jahren diesen Halbmarathon auch 🙂

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  3. Dem stimme ich absolut zu. Ich lebe in einem kleiem 400 Einwohner Dorf und benutze mein Blog um meine sportlichen Ziele zu verwirklichen und fahre damit sehr gut bisher. Der Austausch und andere Meinungen motivieren und die minimale Öffentlichkeit hilft am Ball zu bleiben. 🙂

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