Salman Khan und die Revolution für die Schule von morgen

„Die Khan Academy. Die Revolution für die Schule von morgen” von Salman Khan – München: Random House, 2013 – 253 Seiten – ISBN: 978-3-570-50144-3 – 19,99 €

„Revolutionen“, so meinte einmal der Philosoph Peter Sloterdijk, „gehen heutzutage allenfalls noch vom Marketing aus“. Was ist also dran an der aktuell so vielbeschworenen Revolution im Bildungsbereich, wenn man die derzeitige Diskussion in den Medien um das Potential von sogenenannten „MOOCs“ („Massive Open Online Courses“) bei der Besprechung des Buches von Khan mit berücksichtigt?

Es gibt eine Verbindung zwischen der Khan Academy und den MOOCs – den mittlerweile weltweit zumeist frei zugänglichen Online-Vorlesungen von Universitäten – ausgehend von der Entwicklung in den USA.

Gerade in den USA ist eine gute bis sehr gute akademische Ausbildung zumeist sehr teuer und in den meisten Fällen einer priveligierten gesellschaftlichen Klasse vorbehalten, die es sich leisten kann, ihre Zöglinge auf eine Eliteuniversität wie Standford oder Harvard zu schicken. Vor diesem Hintergrund ist es leicht verständlich, dass sich frei zugängliche Online-Kurse von solchen Eliteuniversitäten wie u. a. Stanford weltweit großer Beliebtheit erfreuen. Denn durch solche Angebote erhalten gerade auch Menschen einen Zugang zu derartigen Bildungsangeboten, die ansonsten aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihrer finanziellen Mittel eher draußen bleiben müssten.

So lesen wir dann beispielsweise in den Medien von einem deutschen Professor – Sebastian Thrun – Professor für künstliche Intelligenz an der Stanford University. Thrun gab in Stanford einen Online-Kurs ohne Zugangsbeschränkung. Die 400 Top-Absolventen dieses Kurses waren quer über den Globus verteilt – darunter kein einziger Absolvent aus Stanford. Sebastian Thrun ist dabei nicht nur Professor in Stanford, sondern zugleich auch Gründer von Udacity – eine Plattform für kostenfreie Online-Kurse im Bereich der Informatik. Auf der Seite von Udacity können Sie sich beispielsweise zu solchen frei zugänglichen Online-Kursen wie „Introduction to Artificial Intelligence“ anmelden.

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Wie der Ansatz von Udacity geht es auch bei der Khan Academy von Salman Khan darum, die Digitalisierung als Möglichkeit für Bildungsangebote zu nutzen, um mehr Menschen den Zugang dazu zu ermöglichen. Der wesentliche Unterschied besteht lediglich darin, dass die Zielgruppe bei der Khan Academy eine andere ist: Die Lernangebote von der Khan Academy sind nicht im Bereich der Erwachsenenbildung angesiedelt, sondern sprechen vor allem Schüler und Lehrer an. Warum das Modell von Salman Khan in mancherlei Hinsicht so bahnbrechend ist, gilt es in diesem Beitrag zu diskutieren. Das Buch „Die Khan Academy. Die Revolution für die Schule von morgen“ liefert dazu einige bemerkenswerte Denkanstöße und Hintergrundinformationen.

Das Buch „Die Khan Academy. Die Revolution für die Schule von morgen“ von Salman Khan

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Energie und mit welchem Enthusiasmus der ehemalige Hedgefond-Analyst Salman Khan die Idee zur Khan Academy praktisch umgesetzt hat – bis er schließlich aus der Finanzwelt ausstieg, um seine Brötchen zukünftig als sozial engagierter Bildungsunternehmer zu verdienen. Dabei ist die Idee zu seinem Unterrichtskonzept eng verbunden mit einer Familiengeschichte, wie Sie in dem Buch von ihm nachlesen können: „Nachhilfe für Nadia“ (S. 24-35).

Die Cousine von Khan – Nadia – hatte in der Schule Probleme in Mathematik, und das, obwohl sie in der Schule zumeist hoch motiviert war und überdurchschnittliche Leistungen erbrachte. Aber in Mathe wollte es nicht so richtig funktionieren – Nadia hatte bei einem Einstufungstest am Ende der sechsten Klasse in Mathe nämlich ziemlich schlecht abgeschnitten.

Khan – selbst Mathematiker und Informatiker – kam ihr bei ihrem Problem zu Hilfe und gab ihr fortan Nachhilfeunterricht in Mathematik. Wie er in seinem Buch schreibt, wollte es ihm einfach nicht einleuchten, dass ausgerechnet seine Cousine mit einem Thema der Mathematik aus der sechsten Klasse solche Probleme hat. „Ich wusste um ihr Potential. Sie konnte logisch denken, war kreativ und beharrlich. Ich sah in ihr bereits die künftige Informatikerin“ (S. 25). Woran bestand also das eigentliche Problem von Nadia?

Khans spätere Erkenntnis dazu: Es geht um die vernetzte Vermittlung von Grundlagen im Bereich der Mathematik und um die Berücksichtigung des individuellen Lerntempos beim Lernen dieser Grundlagen – was häufig in der Schule nicht ausreichend berücksichtigt werden kann. Denn die Zeit reicht im Schulalltag zumeist nicht dafür aus, auf das individuelle Lerntempo aller Schüler in einer Klasse gleichermaßen Rücksicht zu nehmen.

Der Lehrer ist bei diesem Anspruch – bei einer Klasse von zehn, zwanzig oder fünfzig Kindern – schlichtweg überfordert. Auf der anderen Seite verlieren Schüler speziell im Bereich der Mathematik recht schnell den Anschluss, wenn sie die Grundlagen nicht ausreichend beherrschen: Denn in der Mathematik sind alle Grundlagen eng miteinander verzahnt und bauen dementsprechend aufeinander auf. Eine vernetzte, hochkomplexe Angelegenheit – wenn wir etwa den Weg eines Kindes durch die Welt der Zahlen bis zur höheren Algebra vor unserem inneren Auge betrachten. Aber wie können Online-Medien in der Vermittlung und Vernetzung von Grundlagen im Bereich der Mathematik als unterstützende Elemente eingesetzt werden? Und was hat das mit dem Unterrichtskonzept von Khan zu tun? Was ist daran so bemerkenswert?

Die Khan-Academy: Ein Unterrichtskonzept unter Zuhilfenahme digitaler Medien

Von Hause aus ist Khan weder ein Pädagoge noch ein Lernpsychologe. Wir dürfen also vermuten, dass es ihm zu einen sehr viele Freude bereitet, anderen Menschen Grundlagenwissen im Bereich der Mathematik zu vermitteln und dass er dabei über ein gewisses didaktisches Talent verfügt. Zum anderen ist wohl nichts für die eigene Motivation anregender, als sich persönlich für eine solche Sache wie die Khan Academy zu engagieren und dabei zu sehen, wie aus der eigenen Idee letztendlich eine solche frei zugängliche und höchst erfolgreiche Online-Bildungsplattform wie die Khan Academy entsteht. Die Daten sprechen für sich. Mehr als zwei Millionen Schüler nutzen dieses Angebot: Damit ist diese Bildungsplattform aktuell weltweit das meistgenutzte Bildungsangebot dieser Art.

Und dabei hat diese Erfolgsgeschichte erst einmal mit der Neugierde, Intelligenz und vor allem der Experimentierfreude und Überzeugungskraft ihres Erfinders begonnen. Am Anfang dieser Erfolgsgeschichte steht nicht nur der Nachhilfeunterricht für die Cousine und die Idee zum Unterrichtskonzept zur Khan Academy im Vordergrund, sondern auch der Reiz der neuen Möglichkeiten von digitalen Medien, was den Unterricht von morgen anbelangt.

Wichtig ist hierbei allerdings anzumerken, dass es Khan nicht um die Abschaffung konventionellen Unterrichts durch digitale Medien geht – eine in Deutschland sehr beliebte Kontroverse – beispielsweise innerhalb der Mediendidaktik –, sondern um eine unterstützende Funktion für den Unterricht an der Schule. Dabei lautet die Schlüsselfrage, „wie man die Technologie einsetzt. Es genügt nicht, ein paar Computer und Smartboards in die Klasse zu stellen. Die Idee ist, die Technologie vollständig in den Unterricht und den Lernvorgang zu integrieren; ohne eine sinnvolle, einfallsreiche Integration wäre die moderne Technik im Klassenzimmer nur eine weitere teure Spielerei“ (S. 127).

Im technischen Sinne experimentierte Khan zunächst mit den Möglichkeiten von Lernvideos, den Verbreitungskanälen des Internets (vor allem YouTube als Verbreitungsform für Videoinhalte), einem Computer sowie einer Webcam und einem Headset mit Mikrofon. „Als ich die Video-Lektionen für YouTube aufnahm, hockte ich“, so schreibt Khan augenzwinkernd in seinem Buch, „mutterseelenallein in meinem begehbaren Wandschrank“ (S. 150). Dabei ging es ihm bei der Produktion seiner Lernvideos vor allem darum, den Aufwand so gering wie möglich zu halten und die Konzentration auf die wesentlichen Inhalte zu lenken.

Zu diesem Zweck entschied er sich u. a. dafür, dass er selbst in den Videos nicht zu sehen sein sollte, um nicht unnötig abzulenken, aber auch dazu, eine schwarze Tafel als Hintergrund zu benutzen. „Obwohl sie nur virtuell war, hielt ich eine schwarze Tafel für etwas Magisches“ (S. 36). „Gab es ein besseres Mittel zur bildhaften Umsetzung dieser Hoffnung, als auf einer schwarzen Schultafel scheinbar aus dem Nichts kommende Aufgabenstellungen und Lösungen zu zeigen?“ (S.37).

Und noch etwa war bei seinen Lernvideos entscheidend, nämlich die Dauer der einzelnen Lektionen. Eine Lektion dauerte maximal zehn Minuten – um die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren – die ursprüngliche Zeitbegrenzung von einzelnen hochgeladenen Videos auf YouTube. Später fand Khan dazu die passende Erklärung. In einer Studie von zwei Professoren der Indiana University – Joan Middendorf und Alan Kalish – in dem Magazin „National Teaching & Learning“ hieß es, „dass Schüler eine drei bis fünfminütige Aufwärmphase benötigen, der zehn bis achtzehn Minuten optimale Konzentration folgten“ (S. 38). Kurzum: Eine einzelne Online-Lektion sollte nicht länger als 10 bis 15 Minuten dauern, wenn wir dabei bedenken, dass die Aufmerksamkeitsspanne im Internet noch wesentlich kürzer ausfällt als im Unterricht an der Schule.

Neben der Erkundung der Möglichkeiten von Lernvideos auf YouTube, folgte erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt der Professionalisierung bei Khan die Beschäftigung mit weiteren digitalen Elementen, die sich insbesondere auf die Entwicklung und Verfeinerung des frei zugänglichen Bildungsangebotes auf der Online-Plattform der Khan Academy bezogen.

Zu diesen Elementen gehörte u. a. die „Wissenskarte“, damit die Schüler eine zusammenhängende Übersicht über dargebotene Lerninhalte erhalten, aber auch damit diese Softwareanwendung auf der Online-Plattform der Khan Academy den Schülern einen Vorschlag dazu unterbreiten kann, woran sie als Nächstes arbeiten sollten. Dabei hängt diese Vorgehensweise mit dem Unterrichtskonzept von Khan zusammen: Jede Lektion der Mathematik baut auf eine andere auf und alle Lektionen sind miteinander vernetzt. Oder in den Worten von Khan: „Sobald ein Schüler zum Beispiel Brüche addieren und subtrahieren konnte, konnte er sofort mit einfachen linearen Gleichungen weitermachen“ (S. 138).

Des Weiteren bestanden weitere wichtige Elemente in der Weiterentwicklung des Bildungsangebotes der Khan Academy darin, auch bestimmte Algorithmen (Google wäre hier das Paradebeispiel) und Testverfahren mit einzubeziehen, um herauszufinden, in welchen Bereichen Schwierigkeiten bei der Bearbeitung einzelner Lernaufgaben auftreten. Diese zusätzlichen Elemente dienen selbstverständlich auch dazu, ein bestehendes Lernangebot weiter zu optimieren. Eine mittlerweile übliche und festetablierte Vorgehensweise – auch bei vergleichweise anderen offenen Bildungsangeboten im Bereich der „Massive Open Online Courses“, die von Universitäten angeboten werden. Der „kostenfreie Zugang“ zu derartigen Angeboten wird dann auf der Seite der Lernenden damit bezahlt, dass ihr Lernverhalten auf der Grundlage von Algorithmen und Testverfahren genauer studiert werden kann, ohne dass den Betreibern derartiger Plattformen zusätzlich größere Kosten für die Evaluation entstehen würden.

Fazit

Für den „Unterricht von morgen“ finde ich einerseits die Fragestellung entscheidend, wie es gelingt, Technologie auf eine sinnvolle Weise zu nutzen, so wie es auch Khan in seinem Buch empfiehlt und an zahlreichen Beispielen näher ausführt. Andererseits geht es aber auch darum, die Fähigkeit zur Vernetzung weiter auszubauen, und zwar nicht auf eine oberflächliche Art und Weise, sondern eher als tiefergehende Form, die auf grundlegendem Wissen aufbaut. Höhere Mathematik ist ohne die Grundlagen nicht zu verstehen – auf der anderen Seite ist gerade die Mathematik eine hochgradig vernetzte und komplexe Angelegenheit!

Beim ersten Fall – also bei der sinnvollen Integration von digitalen Technologien in den Schulunterricht – können solche Medien wie Lernvideos den Unterricht durchaus auf eine sinnvolle Art ergänzen. Das Potential besteht darin, dass Lehrer mehr auf die individuellen Lernprobleme ihrer Schüler eingehen können, wenn sich die Schüler zuvor schon von zu Hause aus mehr mit den einzelnen Themen aus dem Unterricht in Videoform vertraut gemacht haben.

Für Khan bedeutet diese Möglichkeit zudem, einen viel aktiveren Vorgang als beim Frontalunterricht herzustellen. Allerdings vernachlässigt er dabei auch ein wenig den Umstand, dass nicht jeder Schüler gleichermaßen dazu bereit ist, mehr Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen. Hier kommt es vor allem auch auf die Fähigkeit an, den eigenen Lernvorgang bis zu einem gewissen Grad eigenmächtig zu steuern: eine Frage der Selbstorganisation. Und gerade die Selbstorganisation muss auch erst einmal erlernt werden – Grundvoraussetzung für lebenslanges Lernen und alles andere als selbstverständlich.

Beim zweiten Fall – der Vernetzung – erwähnt Khan in seinem Buch ein einleuchtendes Beispiel für die Gegentendenz. Im 18. Jahrhundert wurde die bis zum heutigen Tag an deutschen Schulen übliche Strategie eingeführt, Fächer nicht von ihrer komplexen Verbindung untereinander her zu begreifen (nach der Vermittlung von Grundlagen), sondern eben in fachlicher Hinsicht feinsäuberlich voneinander zu trennen. Das hatte damals (wie heute) Methode: Angestrebt wurde ein mittleres, möglichst unkritisches Bildungsniveau. Was dagegen durch solche Maßnahmen untersagt werden sollte, ist das eigenständige Denken bzw. das Denken in größeren Zusammenhängen: also vernetztes Denken. Überspitzt formuliert: „Das preußische Modell beruhte auf der Prämisse, dass die Abschottung von Informationen aus erster Hand und die Fragmentierung der vom Lehrer präsentierten abstrakten Informationen zu gehorsamen, unterwürfigen Schülern führen würde“, so John Taylor Gatto, mehrfach zum „Lehrer des Jahres“ in New York gewählt, dessen Zitat zu diesem Zusammenhang auch von Salman Khan in seinem Buch verwendet wird.

Wie schwierig es auf der anderen Seite ist, diese alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen, erfahren gerade einige Lehrer an der Gesamtschule Bremen-Ost anhand eines Projekts, das zusammen mit dem Hirnforscher Gerhard Roth umgesetzt wird. In dem Roth-Projekt geht es insbesondere darum, die Aufteilung in Fächern für eine gewisse Zeit aufzuheben und stattdessen übergreifende Zusammenhänge zwischen den einzelnen Disziplinen zu vermitteln. So wird beispielsweise beim Thema „Naturtagebuch“ ein Anteil Kunst beigemischt, mathematische Aufgaben mit Rechtschreibübungen oder dem Verfassen eines Aufsatzes verknüpft. Ein wahrlich anspruchsvolles Unterfangen!

Text: Marcus Klug

Marcus Klug

Marcus Klug ist als Speaker und Future Work Coach unterwegs. ​Er unterstützt Menschen und Organisationen, im Übergang zum digitalen Zeitalter auf intelligentere Weise zu lernen und zu arbeiten. Dazu hat er auch zusammen mit Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ geschrieben, welches im März 2017 zum Buch des Monats erkoren wurde. Mehr Infos unter: www.marcusklug.de.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Und dennoch bieten Khans Online-Lektionen die Chance, Schule völlig anders zu organisieren. Und einige US-amerikanische Schulen machen es vor – unter dem Motto „flipped classroom“, frei übersetzt also das verkehrte Klassenzimmer. Konkret: Was früher frontal vorgetragen wurde, lernen die Schüler selbstständig online, in ihrem eigenen Tempo, mit so vielen Wiederholungen wie nötig. Im Unterricht wird nun das gemacht, was zuvor die Hausaufgaben waren. Es wird geübt, vertieft – und es bleibt viel mehr Zeit für individuelle Fragen.Nicht nur für die Schüler, auch für die Lehrer biete das mehr Freiheit, meint Khan. Eine Lehrerin zitiert er mit den Worten, sie fühle sich jetzt wie die Dirigentin eines Orchesters, die die Trompeter unterstützen könne – während die Geiger selbstständig üben. Es sind dennoch die Lehrer von denen die schärfste Kritik kommt. Die Sorge: Lehrer würden zu bloßen Statisten degradiert. Könnte ein Pädagoge so einfach durch Online-Frontalunterricht ersetzt werden, sei er wohl schlicht falsch im Job – denn Lehrer würden bilden, nicht vorlesen.Mag sein, dass hier eine gewisse Angst mitschwingt – davor, zu guter Letzt doch nicht so unentbehrlich zu sein, wie man glaubte. Dabei ist das – den Lehrer zu ersetzen – im Grunde gar nicht das Ansinnen von Salman Khan. Er sieht lediglich eine neue Rolle für den Pädagogen vor. Der Zeitpunkt dafür wäre perfekt. Die Schüler nämlich sind es ohnehin schon längst gewöhnt, sich selbstständig Wissen im Netz zu suchen.

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  2. Neben seinen lerntheoretischen Ausführungen spricht Salman Khan (der sich dem Leser informell als „Sal Khan“ vorstellt) auch sehr persönlich über den Aufbau der Schule. Manchmal muss man an die Anfänge von Apple-Gründer Steve Jobs denken, wenn er erzählt: „Den Großteil meiner Tage verbrachte ich im Sechs-Dollar-T-Shirt und einer Jogginghose, sprach zu einem Computerbildschirm und hatte einen großen Traum.“ Angenehmerweise wird man von den üblichen Selbstbeweihräucherungen, die Apologeten neuer Lernmodelle gern äußern, um deren Legitimität zu untermauern, verschont. Stattdessen ereifert sich Khan darüber, dass in den USA die Unterrichtspraxis an öffentlichen Schulen in den Jahren von 1893 bis 1979 in etwa gleich geblieben ist. Nach der einmaligen Reform von 1979 habe sich auch nicht mehr viel geändert. Ein zentraler Punkt ist für Khan die Unterrichtslänge. Er zitiert Studien, die das erste Ermüden von Schülern nach 15 bis 20 Minuten festgestellt haben. Je länger der Unterricht, desto kürzer seien danach die Konzentrationsphasen. Khan hat sich von der 45-minütigen Schulstunde verabschiedet, seine Videos sind nur 20 Minuten lang. Nach einer Pause kann die nächste Lektion begonnen werden. In dem Kapitel „Videos ohne Schnickschnack“ erklärt der Autor seine Vorstellung von Konzentration auf das Wesentliche. Er orientiert sich am Modell der erfolgreichen Harvard Business School, in der es keine Vorträge, kein passives Herumsitzen gibt. Die Studenten eignen sich das Lernmaterial zu Hause an, in den Seminaren diskutieren sie miteinander. Auch in Khan-Seminaren gibt es keine Vorträge, nur Lehrer-Schüler-Gespräche und interaktive Übungs-Tutorials. Studien haben ergeben, dass Studenten schneller lernen, wenn die Ausführungen des Lehrenden von Fragen des Lernenden gelenkt werden.

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