Erwachsenenbildung im Umbruch: Interview mit Jan Belke

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Seit Mai 2014 leitet Jan Belke den deutschsprachigen Markt bei Udemy. Auch wenn das Thema digitale Bildung noch ganz am Anfang steckt, liegt die große Chance darin, Erwachsenenbildung komplett neu zu definieren und Menschen damit ungeahnte Karriereperspektiven zu ermöglichen.

Neben solchen Branchen wie die Musikindustrie und das Verlagswesen steht auch der Bildungsbereich vor größeren Umbrüchen, was den digitalen Wandel anbelangt. Dank digitaler Bildungsangebote können Menschen in der ganzen Welt vermehrt auf qualitativ hochwertige Bildungsangebote zurückgreifen, womit Bildung in der Zukunft anders verteilt wird.

Noch sind die Folgen des digitalen Wandels hierzulande aber noch nicht so genau abzuschätzen, weil sich dieses Angebot erst gerade etabliert. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist das US-amerikanische Bildungsunternehmen Udemy, das sich auf Erwachsenenbildung im Online-Sektor spezialisiert hat. Im Interview verrät Jan Belke – der Marketing-Chef von Udemy in Deutschland –, wie die Entwicklung hierzulande gerade aussieht und welches Potential von diesem Sektor ausgeht.

Lieber Jan, bevor du bei Udemy als German Market Manager begonnen hast, hast du bereits über einige Jahren in den USA studiert und gearbeitet, unter anderem für einige Startup-Unternehmen. Was zeichnet diese Kultur aus? Sind die Hierarchien dort tatsächlich flacher und die Kommunikation direkter? Wie würdest du das beschreiben?

In der Tat herrscht in den USA eine andere Arbeitskultur. Es besteht definitiv ein lockerer Umgang mit Arbeitskollegen auf allen Ebenen und dem Management. Insbesondere hat sich im Silicon Valley eine Kultur etabliert, die sich wahrscheinlich selbst von anderen Teilen in den USA unterscheidet. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ernst zur Sache geht und Leistung gefordert wird. Die Kommunikation würde ich jedoch weniger direkt wie im Vergleich zu Deutschland bezeichnen; speziell im Bezug auf negatives Feedback. Hier muss man manchmal zwischen den Zeilen lesen.

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Was mich motiviert ist die Tatsache, dass Udemy diesen Wandel, wie Menschen sich weiterbilden können, aktiv vorantreibt. Online-Kurse ermöglichen ein großes Wissensangebot zu attraktiven Preisen, die allen Menschen mit einem Internetanschluss zur Verfügung stehen. – Jan Belke

Nach dieser Zeit warst du für einige Monate in Asien mit dem Rucksack unterwegs und bist im Anschluss bei Udemy gelandet. Was hast du in dieser Zeit nach einigen sehr anstrengenden Jahren für dich gelernt, und wie bist du schließlich bei Udemy gelandet?

Das Reisen ist für mich sehr wichtig, da es das Leben wieder in Perspektive setzt. Es gibt verschiedene Ansichten und Lebensweisen und jede hat ihre Daseinsberechtigung. Mit der mehrmonatigen Reise konnte ich mich ganz auf andere Kulturen einlassen und somit meinen geistigen Horizont erweitern. Nach meiner Rückkehr nach San Francisco hatte ich einen neuen Job gesucht und bin auf Udemy gestossen, die einen Manager für den deutschsprachigen Markt gesucht haben. Nach kurzer Interviewphase habe ich ein Angebot bekommen und akzeptiert. Meine bisher beste Berufsentscheidung.

Was gefällt dir an deinem Job bei Udemy besonders? Inwieweit würdest du sagen, dass wir aktuell einen fundamentalen Wandel der traditionellen Bildungslandschaft erleben – bedingt durch die Digitalisierung?

Was mich motiviert ist die Tatsache, dass Udemy diesen Wandel, wie Menschen sich weiterbilden können, aktiv vorantreibt. Online-Kurse ermöglichen ein großes Wissensangebot zu attraktiven Preisen, die allen Menschen mit einem Internetanschluss zur Verfügung stehen. In meiner Position baue ich das deutsche Geschäft für Udemy auf – etwas was mir die Möglichkeit gibt, zu gestalten und aufzubauen. Das ist unglaublich motivierend und macht eine Menge Spaß. Auch arbeite ich in einem sehr internationalen Team und lerne viel von meinen Arbeitskollegen.

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Auf der digitalen Bildungsplattform Udemy existieren auch ganz ungewöhnliche Online-Kurse, etwa der Kurs „Herausragende Bildgestaltung“ von Thomas Leuthard.

Die Vorläufer zu solchen digitalen Bildungsplattformen wie unter anderem Coursera und Udemy waren die MOOCs, die 2008 zum ersten Mal von nordamerikanischen Wissenschaftlern durchgeführt worden sind und die sich zunächst durch ihre radikale Offenheit auszeichneten. Worin besteht für dich der Unterschied zwischen diesen MOOCs und solchen digitalen Bildungsplattformen wie Udemy?

Udemy fokussiert sich auf den “Lifelong Learner”, das heißt es geht nicht, wie bei den MOOCs, hauptsächlich um die universitäre Ausbildung, sondern praktisches Wissen und Fähigkeiten, die im Beruf- und Privatleben eingesetzt werden können. Wir wollen jedem Menschen die Möglichkeit geben, sich ein Leben aufzubauen wie er oder sie es sich vorstellt. Dabei ist die lebenslange Weiterbildung ein mittlerweile zentraler Baustein. Ich glaube nicht, dass Hochschulen sich kurzfristig durch Online-Kurse ersetzen lassen, aber bin überzeugt von unserem Wachstumspotential im Bereich des lebenslanges Lernens.

Bemerkenswert fand ich in diesem Zusammenhang auch den Hinweis, dass der Erfolg für Open-Course-Anbieter in den USA vor allem mit fortwährenden Berichten in den US-amerikanischen Medien über das marode Bildungssystem begleitet war: Insbesondere steigende Kosten gepaart mit sinkenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben den Boden für die Euphorie bereitet, mit der digitale Bildungsangebote begrüßt worden sind. Wie betrachtest du diese Entwicklung in den USA? Würdest du sagen, dass auch Udemy von dieser Entwicklung profitiert hat?

Das Bildungssystem in den USA unterscheidet sich teilweise deutlich von dem Europäischen. Insbesondere die steigenden Studiengebühren erzeugen Probleme. Viele Menschen tragen Schulden aus der Studienzeit über Jahre mit sich und haben Schwierigkeiten, einen gut bezahlten Beruf zu finden. Ich denke nicht, dass Udemy unmittelbar davon profitiert, da unsere Nutzer Online-Kurse nicht als Ersatz für das Studium, sondern als Ergänzung sehen. Nehmen wir Marketing als Beispiel. In der Uni werden theoretische Grundlagen vermittelt, aber nicht wie man eine Facebook Ad Kampagne aufsetzt und optimiert. Das ist aber einer der Bereiche bei dem Nachfrage besteht, denn Arbeitgeber sucht diese Art von Fähigkeiten in Mitarbeitern. Dieses Wissen kann sehr gut über einen Online-Kurs vermittelt werden und davon profitiert Udemy.

Success Story made in Germany: Denis Panjuta begeisterte sich schon während seines Studiums im Bereich des Wirtschaftsingenieurwesens dafür, sein Wissen weiterzugeben. Heute verdient er das meiste Geld mit seinen Online-Kursen auf Udemy.

Auch hierzulande wächst die Kritik am Bildungssystem. Es gab noch nie so viele Studierende wie gerade. Auf der anderen Seite geht es aber gerade auch um Individualisierung und eine speziellere Form der Bildung, um für den Arbeitsmarkt der Zukunft ausreichend vorbereitet zu sein. Wie betrachtest du diese Entwicklung? Ist die Digitalisierung im Bildungsbereich ein Schlüssel für erhöhte Individualisierung?

Ja, auf jeden Fall. Bei Udemy kommen jeden Monat über 1.500 neue Kurse auf den Marktplatz – Tendenz steigend. Dabei dringen wir in alle möglichen Nischen vor, die man sich vorstellen kann. Das ermöglicht natürlich einen hohen Grad der individuellen Weiterbildung. Ein anderer Grund erscheint mir jedoch sogar noch wichtiger. Udemy nutzt einen Marktplatz Ansatz, das heißt bei uns kann jeder Dozent werden und sein Wissen weitergeben. Damit sind wir extrem schnell was beispielsweise neue Trendthemen angeht. Einer unserer Dozenten wird einen Online-Kurs dazu in kürzester Zeit erstellen und damit können wir immer die neusten Inhalte anbieten. Zum Beispiel gab es einen Udemy Kurs zu Bitcoin als dies noch relativ unbekannt war.

Udemy ist in den USA als digitale Bildungsplattform bereits sehr erfolgreich, wohingegen deine Aufgabe als German Market Manager darin besteht, die Marke in Deutschland bekannter zu machen. Worin siehst du das Potential für Udemy im deutschen Bildungsmarkt? Und wo liegen die Schwerpunkte?

Das Thema digitale Bildung steckt noch ganz am Anfang. Vor uns liegt die Chance Erwachsenen- und Weiterbildung komplett neu zu definieren und Menschen damit ungeahnte Karriereperspektiven zu ermöglichen. Ich stelle immer wieder die Begeisterung fest, wenn ich mich mit neuen Udemy Dozenten und Kursteilnehmer in Deutschland austausche. Sie wussten nicht, dass es schon die Möglichkeit gibt, online zu lernen und zu unterrichten. Hier gilt es jetzt Aufklärungsarbeit zu leisten und die Bekanntheit von Online-Weiterbildungsangebote zu steigern. Daneben ist die Kursqualität ein ganz wichtiges Thema für uns. Was macht einen guten Online-Kurs aus? Das ist keine triviale Frage, denn es ist nicht nur die Produktionsqualität (Audio & Video), sondern umfasst eine ganze Reihe von Faktoren. Wir werden weiter in diesen Bereich investieren, um die bestmögliche Lernerfahrung für unsere Kursteilnehmer zu gewährleisten.

Was bietet Udemy als Plattform für Dozenten, die selber einen Kurs dort anbieten wollen? Und was würdest du Dozenten empfehlen, die auf Udemy Fuß fassen wollen?

Udemy bietet eine ganze Reihe an Werkzeugen, Hilfsmitteln und Unterstützung, um den Einstieg so leicht wie möglich zu machen. Dazu gehören unter anderem ein kostenfreier Kurs “Wie erstelle ich einen Udemy Kurs”, eine Teach Seite mit vielen Ressourcen zur Kurserstellung, und eine Dozenten-Community mit derzeit über 700 Mitgliedern, die sich gegenseitig unterstützen und weiterhelfen. Auch kommt der Großteil unserer Dozenten mit keiner Unterrichtserfahrung zu uns, daher müssen sich neue Dozenten keine Gedanken machen. Bisher hat es jeder geschafft. Interesse? Melde dich kostenfrei unter teach.udemy.com/de an.

Zum Kursangebot von Udemy gehören auch Kurse von Seth Godin ‒ ein international bekannter Unternehmer, Blogger und Bestsellerautor, dessen Schwerpunkt auf Marketing-Themen liegt.

Welche Kurse und Themen sind gerade besonders im deutschsprachigen Markt gefragt? Und wie betrachtest du diese Entwicklung in den kommenden Jahren? Kurse zu solchen Themen wie etwa Entrepreneurship, Online-Marketing, Persönlichkeitspsychologie und Selbstmanagement?

Wir sehen viel Nachfrage zu Kursen im Bereich Programmierung, Online-Marketing und Webentwicklung. Es sind Themen, die typische “Early Adopters” ansprechen. Die digitale Bildung ist noch nicht im Massenmarkt angekommen, und ich bin überzeugt, dass wir mit der Zeit eine Veränderung der Nachfrage sehen werden. Auf die gesamte Bevölkerung bezogen ist Programmierung eher ein Nischenthema und Dinge wie Persönlichkeitsentwicklung, Wirtschaft, Gesundheit und Ernährung werden wohl an Bedeutung gewinnen.

Abschließende Frage: Was bedeutet für dich lebenslanges Lernen? Warum ist dieser Begriff in der Zukunft mehr als eine leere Worthülse?

Für mich ist lebenslanges Lernen keine Worthülse, denn die Weiterbildung gibt es schon sehr lange und viele Menschen machen es. Was sich ändert sind die Möglichkeiten, und Online-Kurse haben enormes Potential mehr Menschen Zugriff auf Inhalte zu geben und die Lernerfahrung durch Video und praktische Anwendung zu steigern. Darüber hinaus gibt es den Trend, dass kontinuierliche Weiterbildung zunehmend wichtiger wird, um in einer sich schnell veränderten Welt auf dem neusten Stand zu bleiben. Es sind extrem spannende Zeiten und Udemy versucht eine treibende Kraft bei diesem Wandel zu sein.

Das Interview führte Marcus Klug mit Jan Belke im Rahmen des Buchprojekts „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“.

jan-belkeJan Belke leitet als Marketing-Manager seit Mai 2014 den deutschsprachigen Markt bei dem Bildungsunternehmen Udemy. Ursprünglich aus der Nähe von Frankfurt stammend, lebt Belke seit über sechs Jahren in der San Francisco Bay Area. Dort führten seine beruflichen Stationen auch bereits in die Startup-Kultur und Corporate World.

Marcus Klug

Marcus Klug, geboren 1977, ist Redner, Blogger und Autor. Neben seiner Tätigkeit als Blogger und Formatentwickler für das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke hat er bereits vor über zwei Jahren damit begonnen, zusammen mit Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ zu schreiben, welches im März 2017 zum Buch des Monats erkoren wurde. Das Sachbuch bildet die Basis zu einem eigenen Expertenprogramm als Speaker: „Wissensabenteuer für die digitale Zukunft“. Mehr Infos unter: www.marcusklug.de.

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