Komplexes Denken im digitalen Zeitalter: Warum Wissen auf eine neue Tiefe angewiesen ist

In einem Radio-Interview über ihr neues Buch „Die stille Revolution“ hat die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mercedes Bunz auf einen Sachverhalt hingewiesen, der mir äußerst bemerkenswert erscheint. Die Frage lautet nämlich: Wie ist Wissenstiefe mit dem schnellen und oberflächlichen Suchen von Informationen vereinbar, wie es beispielsweise mit Google assoziiert wird?

Die meisten öffentlichen Debatten hierzulande sind von Extremen geprägt, wenn es um die Frage geht, wie digitale Medien auf Körper und Geist einwirken. Zuletzt hat beispielsweise Manfred Spitzer mit seinem Buch „Digitale Demenz“ die nächsten Weltuntergangsprognosen über die Folgen des digitalen Wandels zum Besten gegeben. Laut Spitzer tragen digitale Medien, insbesondere das Internet dazu bei, dass unser Intellekt auf ein Minimum heruntergefahren wird. Wir werden quasi zu „Verblödungsmaschinen“.

Thesen, die diesen Befund stützen, lauten bei Spitzer etwa, dass durch das Internet und das permanente Verweilen am Bildschirm unsere Konzentrationsfähigkeit stark reduziert wird. Wir lesen beispielsweise keine Texte mehr auf dem Bildschirm, sondern wir scannen sie. Tiefe wird dementsprechend durch Breite ersetzt. Es geht darum, möglichst viele Informationen in kurzer Zeit zu erfassen, was im Gegensatz zu geistiger Tiefe steht. „Je oberflächlicher ich einen Sachverhalt behandle, desto weniger Synapsen werden im Gehirn aktiviert, mit der Folge, dass weniger gelernt wird“, schreibt Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz“. Letztendlich sind internetfähige Computer für Spitzer „Lernverhinderungsmaschinen“.

In immer kürzeren Zeitabständen überfliegen wir Heerscharen von Informationen, lassen uns permanent ablenken, ohne dass wir zu einer Verarbeitungstiefe vordringen, die für die Aneignung von Wissen dringend erforderlich ist, denn Wissen ist auf Tiefe angewiesen und weniger auf die oberflächliche Durchdringung von Informationen; zumindest wenn Informationen langfristig im Gedächtnis verankert werden sollen ‒ so das traditionelle Verständnis von Wissensprozessen.

Umgekehrt kann man sich aber auch die Frage stellen, wie Tiefe und Oberflächlichkeit  in der Verarbeitung und Reflexion von Informationen miteinander vereinbar sind, denn das digitale Zeitalter, so meine These, steht zugleich für Tiefe und für Oberflächlichkeit in der Verarbeitung von Informationen. Ich würde daher von einer „neuen Tiefe“ sprechen, die sich im digitalen Zeitalter anbahnt.

Die Welt des Wissens digital betrachtet

Wenn von Google die Rede ist, geht es pauschal um die Verflachung von Wissen, aber weniger um die Tatsache, dass wir heutzutage dank einer solchen Suchmaschine auf viel mehr Wissen zugreifen können als jemals zuvor. Mit den Worten von Mercedes Bunz: „Wir können sozusagen in eine Wissenstiefe hineingoogeln.“ Dieser Satz bringt sehr schön die „neue Tiefe“ zum Ausdruck, von der ich zuvor gesprochen habe; das Hereinbrechen des Globalisierungszeitalters auf der Informationsebene und die Frage, wie wir mit dieser Art von Globalisierung wissensmäßig umgehen.

Das digitale Zeitalter steht für einen enormen Anstieg von Informationen, die häufig frei zugänglich sind, und für die Fähigkeit, Informationen zu vernetzen. Nun können wir allerdings anzweifeln, ob durch die Explosion von Informationen tatsächlich auch das Wissen ansteigt, so wie es beispielsweise der Wissenschaftshistoriker Franz Graf-Stuhlhofer anzweifelt.

Tatsächlich haben wir es mit einer enormen Schere zu tun, und zwar zwischen dem Wachstum von Informationen und dem realen Anstieg von Wissen. Die Schere scheint an dieser Schnittstelle immer weiter auseinanderzudriften. Für diese Beobachtung hat Graf-Stuhlhofer das tatsächliche Wissenswachstum zwischen 1500 und 1900 ausgewertet und daran belegen können, dass sich wissenschaftliches Wissen nur ungefähr alle einhundert Jahre verdoppelt.

Bezieht man diesen historischen Befund auf die aktuelle Informationsexplosion, so nimmt das wissenschaftliche Wissen zwar proportional zu, jedoch keineswegs mit demselben quantitativen Faktor wie das aktuell bei Informationen der Fall ist.

Auf der anderen Seite wird das Wissen durch das Internet auch transparenter, da wir plötzlich auf Wissensquellen zugreifen können, die für uns in einem anderen Zeitalter möglicherweise verschlossen geblieben wären, so wie das Mercedes Bunz in ihrem Satz: „Wir können sozusagen in eine Wissenstiefe hineingoogeln“, bereits andeutet. Auch das kann man durchaus als eine neue Form von Tiefe bezeichnen ‒ Wissensvorsprung durch Transparenz.

Die Bedeutung des Fachwissens nimmt ab

Wohin führt uns diese Ausgangssituation in kultureller Hinsicht? Ein Blick auf die moderne Arbeitswelt in der „postindustriellen Gesellschaft“, so wie das Daniel Bell bezeichnet hat, führt uns zu fachübergreifenden bzw. fundamentalen Qualifikationen, die im Gegensatz zu der Bedeutung von Fachwissen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Qualifikationen wie u. a. systemisches und kreatives Denken oder Sozialkompetenz, z. B. Kommunikations- und Empathiefähigkeit.

Diese Tendenz hängt u. a. auch damit zusammen, dass fachspezifisches Wissen heutzutage wesentlich schneller veraltet. In dieser Situation geht es dann darum, die Selbstorganisationsfähigkeit in punkto Lernen zu verbessern, damit wir uns neue Lern- und Arbeitsinhalte schneller und selbstständig aneignen können, um letztendlich anschlussfähig zu bleiben.

Diese Entwicklung hängt im Wesentlichen mit drei Faktoren zusammen: 1. mit dem technologischen Wandel, 2. mit dem enormen Anstieg von Informationen und 3. mit der Beschleunigung des allgemeinen Lebenstempos.

Vernetzte Steine im Fluss der Informationen

Was die Tiefe und Oberflächlichkeit in der Aneignung von Informationen anbelangt, so kommt es im digitalen Zeitalter mehr und mehr auf die Vernetzungsfähigkeit an und weniger auf das Fachwissen. Deshalb sind systemisches und kreatives Denken auch die Schlüsselkomptenzen des 21. Jahrhunderts.

Systemisches Denken steht dabei für die Fähigkeit, Informationen in Zusammenhängen zu betrachten und deren Relevanz und Tragweite einschätzen zu können. „In einer Welt von interagierenden Teilsystemen muss man in interagierenden Teilsystemen denken, wenn man Erfolg haben will“, so schreibt Dietrich Dörner beispielsweise in seinem wegweisenden Buch „Die Logik des Mißlingens“. Betrachtet man diesen Satz vor dem Hintergrund des enormen Anstiegs von Informationen im digitalen Zeitalter, so wird schnell ersichtlich, dass die Vielzahl an Informationen uns dazu zwingt, mit anderen Methoden in der Durchdringung und Reflexion von Informationen vorzugehen.

Das bedeutet konkret, dass uns beispielsweise schnelles Lesen und das Überfliegen von Informationen ‒ die Oberfläche von Suchprozessen ‒ dabei helfen, Informationen zunächst zu sichten und deren Tragweite einzuschätzen, um sie in einem zweiten Schritt in einen assoziativen Bezug zueinander zu setzen ‒ was den kreativen Anteil in diesem Prozess ausmacht: die Relation von Information und Phantasie.

Fazit: Grundsätzlich geht es im 21. Jahrhundert um die Ausbildung von Wissensnetzen auf der Basis von kolossalen Informationsüberschüssen und um die Frage, wie wir diese Überschüsse wissensmäßig in den Griff bekommen. Das ist die neue Tiefe, von der ich bereits mehrfach gesprochen habe  ‒ die „Steine im Fluss“ ‒, so wie das einmal Vera F. Birkenbihl formuliert hat. „Steine im Fluss beschreibt Informations-Einheiten, die `von Wasser bedeckt´ sind.“ Diese Steine sind das Fundament, auf dem wir zukünftig bauen können: Die kleinsten vernetzungsfähigen Wissensbausteine im globalen Informationszeitalter.

Text: Marcus Klug

Marcus Klug

Marcus Klug ist als Speaker und Future Work Coach unterwegs. ​Er unterstützt Menschen und Organisationen, im Übergang zum digitalen Zeitalter auf intelligentere Weise zu lernen und zu arbeiten. Dazu hat er auch zusammen mit Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ geschrieben, welches im März 2017 zum Buch des Monats erkoren wurde. Mehr Infos unter: www.marcusklug.de.

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