Gunter Dueck: Abschied vom Homo Oeconomicus

“Abschied vom Homo Oeconomicus. Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen” – von Gunter Dueck – Frankfurt am Main: Eichborn Verlag, 2008 – 250 S. – ISBN: 978-3821856780  – 22,95 €

Der Mathematiker und Betriebswirtschaftler Gunter Dueck hat ein sehr kluges und höchst unterhaltsames Buch verfasst, in dem er für eine neue werteorientierte, ökonomische Vernunft plädiert. Dabei kritsiert Dueck auf überzeugende Art das Menschenbild des Homo Oeconomicus, also die fehlgeleitete Vorstellung, dass der Mensch ein ausschließlich von Erwägungen wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit geleitetes Wesen sei.

Ökonomen neigen häufig dazu, sämtliche komplementäre Werte und Phänome außen vor zu lassen, die sich nicht operationalisieren lassen: etwa Ehtik, Motivation und kreatives Denken. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Menschenbild des Homo Oeconomicus: „Die Theorien erklären in den Menschen Arten von leicht mathematisierbarer Rationalität hinein, wo keine ist“, schreibt Gunter Dueck in seinem hervorragenden Buch.

Er selbst muss es wissen: Nach seinem Studium der Mathematik und Betriebswirtschaft und einer Promotion forschte er zehn Jahre mit seinem wissenschaftlichen Betreuer Rudolf Ahlswede zusammen. Nach der Habilitation im Jahre 1981 und einer Professur für Mathematik an der Universität Bielefeld wechselte er 1987 an das wissenschaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg. Er arbeite an der technologischen Ausrichtung der IBM, an Strategie- und Optimierungsfragen sowie am Cultural Change mit. Heute ist er als freier Schriftsteller und äußerst erfolgreicher Redner tätig. So hielt er beispielsweise auf der re:publica 2011 eine Rede über das „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“.

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In dem Vortrag „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“ stellt Gunter Dueck eine bemerkenswerte Frage voran: Steckt das eigentlich Wertvolle im Internet und gar nicht in den Köpfen der Menschen? Für Dueck sind wir langsam mit einer einzelnen Ameise vergleichbar, wo eher der Haufen zählt. Das Internet stellt dementsprechend ein Betriebssystem dar, was alles weiß, wo nahezu alles drinsteht, während der Mensch eine Ameise im System ist.

Der Aufbruch der Wirtschaft in die komplexe Welt von morgen

„Big Bambu“ – so der Titel einer Skulptur der beiden New Yorker       Künstler Mike und Doug Starn. Die Arbeit stellt ein ineinander-greifendes Chaos dar, das in seiner primitiven Form die vernetzte Welt, das Internet oder das Leben in einer Großstadt mit seinen Lebensadern symbolisiert – je nach Betrachtung und Interpretation.

Die klassischen Wirtschafts- und Managementtheorien wirken heute im Zuge komplexer und dynamischer gesellschaftlicher Wandlungsprozesse seltsam nostalgisch und rückständig, weil sie oftmals keine adäquaten Erklärungsmodelle für tiefgreifende kulturelle Veränderungen liefern und deren zukünftiger Gestaltung. Wie soll man angesichts des Wandels reagieren? Was sind die passenden Strategien? Wie können die Führungskräfte und Manager von morgen durch Umbruchszeiten lenken?

Wie schreibt Dueck bezüglich der „Lieblingstheorien im Wandel des Wirtschaftswachstums“ und des darauf folgenden Abschwungs so schön: „Die Anhänger der jeweiligen Lehrmeinungen haben (…) nur jeweils ihre eigene Theorie im Kopf. Sie merken nicht, wie sich das wirtschaftliche Umfeld ständig verändert und damit dessen mögliche Interpretation. Ihre Köpfe bleiben deshalb starr und die Karawane der Wirtschaft zieht weiter.“

Als da hätten wir u. a.:

  • Lieblingstheorie im ersten Aufschung der (Neo-)Liberalismus: Im Aufschwung funktioniert quasi alles von selbst. Staatliche Eingriffe und Regulierungsmaßnahmen sind eher unerwünscht. Das Kapital soll so frei wie möglich agieren mit allen Konsequenzen und verheerenden Folgen, wie wir u. a. in der globalen Finanzkrise von 2009 erlebt haben, als der Größenwahnsinn einiger unersättlicher Spekulanten in den Kollaps führte.
  • Lieblingstheorie im ersten Abschwung Keynesianische Staatsprogramme: Das Wachstum soll in dieser Phase noch weiter ausgebaut werden, auch wenn die Ampel bereits auf orange/rot steht. Der Staat nimmt Schulden auf, um das Wachstum quasi künstlich fortzusetzen.
  • Lieblingstheorie im weiteren Abschwung Lean Management: Optimierung, Kontrolle, Personalabbau. Die alte Leier zu Krisenzeiten. Das ist wie beim Arzt, wenn mal wieder Antibiotika verschrieben wird, statt den Symptomen auf den Grund zu gehen. Unter starkem Arbeitsdruck nimmt die Produktivität zunehmend ab: Stressbedingte Krankheiten wie etwa Burnout häufen sich und produzieren immense Kosten ein Bumerangeffekt sondergleichen.

Wir können also festhalten: Unflexible Führungskräfte und statische wirtschaftliche Erklärungsmodelle sind in Zeiten von permanenten instabilen Beziehungsverhältnissen keine probaten Mittel mehr. Gefragt sind psychologisches Fingerspitzengefühl, ausgeprägte Kommunikations- und Motivationsfähigkeiten, technisches Know-how und digitale Kompetenz, kreatives Denken und Innovationswillen. Die Liste ist lang. Dementsprechend ist auch die Theorie dazu angehalten, sich mit anderen Wissenschaftsdisziplinen zu vernetzen. Wir leben aktuell nicht in Krisenzeiten, sondern in einer Zeit des permanenten Wandels bei überbordender Komplexität.

Als ich neulich auf den Blog „Blick Log. Notizen über Wirtschaft, Finanzen, Management und mehr“ stieß, entdeckte ich eine Mind Map zur Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009. Das Argument zur Wahl dieser Darstellungsmethode war einleuchtend: „Weil die vielen in der Öffentlichkeit diskutierten Facetten der Finanzkrise kaum noch eine Übersicht gestatten, hat der Blick Log eine besondere Darstellungsform gewählt, nämlich in Form der Mindmappingtechnik. Die Mindmaps, die normalerweise für Kreativgedanken eingesetzt werden, haben den Vorteil, dass sie besser die Verästelung der verschiedensten Themen deutlich machen“, heißt es dort.

Das Problem, was Dueck in seinem Buch veranschaulicht, nämlich die Abwendung vom unterkomplexen Menschenbild des Homo Oeconomicus im Übergang zum digitalen Kommunikationszeitalter ist noch weitaus komplexer gelagert als die Auswirkungen, die mit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 verbunden sind. Dueck zieht die einzige legitime Konsequenz daraus: Er verlässt die engen Maschen einfacher ökonomischer Erklärungsansätze und endeckt überraschende und erhellende Zusammenhänge zwischen den Disziplinen: von der Ökonomie zur Stressforschung, von der Stressforschung zu den Neurowissenschaften, von der Psychologie zur kooperativen Intelligenz.

Vom Homo Oeconomicus zur Ökonomie 2.0

Für die Zusammenfassung des Buches von Dueck wählte ich eine Mind Map zur Darstellung. Die Ergebnisse dazu und die Zusammenhänge zwischen den Disziplinen, Modellen und Management-Methoden können Sie im oben vorangestellten Bild zu diesem Beitrag näher betrachten. Als Ankerpunkte wählte ich vier Topics, von denen fischgrätenartig weitere Verzweigungen ausgehen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, warum das Menschenbild des Homo Oeconomicus, also die fehlgeleitete Vorstellung, dass der Mensch ein ausschließlich von Erwägungen wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit geleitetes Wesen sei, für heutige wirtschaftliche Verhältnisse ein absolut unzureichendes Menschenbild darstellt.

  • Das Weltbild des Homo Oeconomicus: Zwischen dem Wachstumsbegriff und dem Menschenbild des Homo Oeconomicus besteht ein klarer Zusammenhang. Die jeweiligen Wirtschaftszyklen und die daraus konventionell abgeleiteten Modelle und Strategien spiegeln die eindimensionale Ausrichtung dieses Menschenbildes wider. Zu den Zyklen gehören das Wachstum, die Sättigung und der Crash je nachdem in welcher Phase des konjunkturellen Zyklus wir uns gerade befinden, ob im Aufschwung oder eher im Abschwung. Während zu Zeiten des Booms Mitarbeiter tendenziös einen Anspruch auf eine menschenwürdige Arbeitsumgebung haben und großzügiger gefördert werden bei entsprechender Leistung führen Erwägungen wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit gerade in einer sich anbahnenden Rezession zu solchen Maßnahmen wie Personalabbau, Massenentlassungen und verstärkte Kontrollmaßnahmen. Die Last wird auf immer weniger Schultern verteilt im Zuge der Optimierung und des anhaltenden Drucks, was definitiv mittel- bis langfristig keineswegs zu mehr Produktivität führt.

Unter Stress arbeitet unser Gehirn in der fast doppelten Wellenfrequenz. Dauerstress macht das Gehirn krank, gerade wenn Menschen zulange in diesem Zustand verharren. Die Wellenfrequenzen im wachen und normalen Bewusstseinszustand erhöhen sich deutlich, was den Ausschlag pro Zeiteinheit anbelangt, sobald der Stress zunimmt. Bei dauerhaftem Stress fällt es unserem Gehirn zunehmend schwerer, wieder auf eine langsame Taktfrequenz herunterzufahren. Die Folgen sind absehbar: Ausbleibende Entspannung, mangelnde Konzentration und Schlafstörungen. Im schlimmsten Falle gar Burnout

  • Stressforschung: Die Stressforschung stellt eine stark naturwissenschaftlich geprägte Disziplin dar, in der untersucht wird, wie sich verschiedene Stressformen auf Körper und Geist auswirken. Der österreichisch-kanadische Arzt Hans Selye, der „Vater der Stressforschung“, hat 1936 den Begriff „Stress“ geprägt. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen negativem Stress – ausgelöst durch Situationen, die uns subjektiv als unmöglich zu bewältigen erscheinen – und positivem Stress, welcher in Situationen entsteht, die subjektiv als bewältigbar wahrgenommen werden. Ohne Stress kann der Mensch nicht leben. Im biochemischen Bereich werden bei Stress bestimmte Hormone im Körper ausgeschüttet. Diese lösen verschiedenste körperliche Reaktionen aus: Das Herz schlägt schneller, Gehirn und Lunge werden besser versorgt usw. Heute ist Stress allerdings zumeist die allgemeine Bezeichnung für äussere und innere Reize, die wir Menschen als anstrengend und belastend empfinden. Daher wird auch zuweilen zwischen Eustress und Disstress unterschieden. Neben körperlichen Reaktionen, die bei Stress ausgelöst werden, lassen sich die Reaktionen auch neurophysiologisch messen: Das vorangestellte Modell mit den verschiedenen Wellenfrequenzen veranschaulicht diese Messungen, die auch von Gunter Dueck in seinem Buch angeführt werden. Verschiedene Frequenzbereiche der Hirnaktivitäten, die als Delta- (eine Frequenz von 0 bis 3 pro Sekunde), Theta- (eine Frequenz von 4 bis 7 pro Sekunde), Alpha- (eine Frequenz von 8 bis 13 pro Sekunde) und Betawellen (eine Frequenz von 14 bis 30 pro Sekunde) bezeichnet werden. Speziell die Frequenzbereiche der Betawellen stellen rasche Wellen dar, die bei Stress in der Taktfrequenz noch weiter ansteigen. Die Stressforschung ist deshalb als komplementäre Wissenschaft zur Wirtschaftstheorie so wichtig, weil sie recht genau beschreiben und messen kann, wie sich konjunkturelle Abwärtstrends physiologisch und biochemisch auswirken.

Historischer Überblick der Kondratieff-Zyklen nach spezifischen wirtschaftlichen Perioden unterteilt: von der Industrialisierung bis zum Informationszeitalter

  • Innovation: Der Kondratieff-Zyklus lässt sich, wie Dueck in seinem Buch schreibt, „wie eine Reise von den Urgründen der Innovation über die Suche nach der eigentlichen Kunstform bis hin zur endgültigen Exzellenz“, definieren. Was versteht man unter dem Kondratieff-Zyklus? Nikolai Dimitrijewitsch Kondratieff war ein russischer Wirtschaftswissenschaftler und gilt als einer der ersten Vertreter der zyklischen Konjunktur-Theorie. Kondratieff publizierte 1926 zu diesen Konjunkturwellen die Arbeit „Die langen Wellen der Konjunktur“. Entscheidend ist bei dieser Theorie, dass es immer wieder zu etwa 40 bis 60 Jahre währenden großen Zyklen in der Wirtschaft kommt. Beispiele für diese Zyklen werden von Dueck genannt: etwa die Periode der Frühindustrialisierung (ca. 1780-1849), über die zweite industrielle Revolution (ca. 1849-1890) bis hin zum heutigen so genannten Informations- und Kommunikationszeitalter, dessen tiefgreifende Veränderungsdynamik sich noch lange nicht en detail begreifen lässt (ab 1990). Für diese tiefgreifende Veränderungsdynamik führt Dueck die mobile Revolution an und die damit einhergehende Frage, wie beispielsweise die globale Entwicklung von Smartphones unsere Kommunikation, unser Denken und Handeln von morgen bestimmen wird. Hinter dieser Entwicklung verbergen sich Tausende von Produkten und Dienstleistungen, die zukünftig nicht mehr von Relevanz sein werden. Denken Sie einmal darüber nach! Zugespitzt formuliert: Bankgeschäfte werden plötzlich nur noch online abgewickelt, der Buchhandel vollkommen auf den Kopf gestellt, das Studium über Fernuniversitäten und E-Learning-Plattformen absolviert usw. In dieser Übergangsperiode sind neue Ideen gefragt, eine andere Denkweise und viel Risikobereitschaft. Unternehmer werden vermehrt zu Nerds, zu Bastlern, Forschern und Erfinder, zu Kommunikations- und Komplexitätsmanagern und Informationsbrokern.
  • Ökonomie 2.0: Die Entwicklung des so genannten Web 2.0 als eine neue Form der gemeinschaftlichen Benutzung des Internets  hat auch einen starken Einfluss auf die Art und Weise, wie Unternehmen mit ihren Kunden kommunizieren. Die Kommunikation ist dank dieser Entwicklung wesentlich transparenter und direkter geworden.

Worin besteht der Lernprozess? Im Bereich der Unternehmensführung geht es beispielsweise darum, zu begreifen, dass eine derartige Kommunikationskultur tendenziös auf andere Verhaltensweisen setzt als manche Führungskräfte: Statt Konflikt und andauerndes Gegeneinander geht es verstärkt um Kooperation. Der Lernprozess beginnt mit der allmählichen Verinnerlichung jener Werte, die mit einer Kultur der Kooperation verbunden sind: Verantwortung, Respekt, Fairness, Transparenz usw.

Für Unternehmen in der Wirtschaft der Zukunft kommt es demnach verstärkt darauf an, so etwas wie Heimat und Gemeinschaft bieten zu können. Führungskräfte bzw. Leader  erneuern in diesem Zusammenhang, „kreieren Originale, sind innovativ, fordern den Status Quo heraus (…), setzen auf Vertrauen, begeistern und agieren aus dem Herzen heraus“, so Dueck resümierend. Was in dieser tiefgreifenden kulturellen Übergangsphase dagegen nicht mehr zählt, sind theoretische Modelle und Management-Strategien, in denen sich alles nur um Optimierung und Kontrolle dreht.

Text: Marcus Klug

Marcus Klug

Marcus Klug, geboren 1977, ist Redner, Blogger und Autor. Neben seiner Tätigkeit als Blogger und Formatentwickler für das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke hat er bereits vor über zwei Jahren damit begonnen, zusammen mit Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ zu schreiben, welches im März 2017 zum Buch des Monats erkoren wurde. Das Sachbuch bildet die Basis zu einem eigenen Expertenprogramm als Speaker: „Wissensabenteuer für die digitale Zukunft“. Mehr Infos unter: www.marcusklug.de.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Marcus,
    ich habe Deine Rezension des Buches “ Abschied vom Homo Oeconomicus “
    gelesen, und kann nur sagen SUPER!!!
    Auch die Gestaltung der Internetseite fand ich sehr gelungen.
    Schönen Abend noch
    Klaus

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