Wenn die Torwächterfunktion entfällt: Interview mit Matthias Matting

Mit Selfpublishing entfällt die Torwächterfunktion der Verlage. Auch immer mehr Profis setzen auf die Vorteile: dazu gehören der unmittelbare Zugang zum Leser und der erhöhte Spielraum in der Gestaltung. Aber wann macht es wirklich Sinn, ein Buch in Eigenregie zu veröffentlichen? Im Interview mit dem „Selfpublishing-Papst“ Matthias Matting geht es um die Frage, wie Sie mit einem solchen Produkt zum Experten werden, und welche Strategien zu mehr Sichtbarkeit führen.

Lieber Herr Matting, als Wissens- und Kreativarbeiter hat man heute dank der digitalen Entwicklung viele Möglichkeiten, eigene Wissensprodukte zu produzieren und zu vertreiben: dazu gehören unter anderem Sachbücher in der Form von E-Books, Vorträge als Web-Videos oder auch Online-Trainings. Wie betrachten Sie diese Möglichkeiten? Wird sich dadurch die Welt der Arbeit verändern?

Bei der Prognose von weltbewegenden Veränderungen bin ich immer vorsichtig. Es ist ja nicht so, dass die Menschen plötzlich mehr Geld für ihren Wissenserwerb ausgeben werden. Der Markt insgesamt wird nicht signifikant wachsen, es werden sich nur Verschiebungen ergeben, zum Beispiel weg von Präsenz-Seminaren. Das heißt aber auch, dass Wissensarbeitern eine Säule wegbricht, dafür kommt eine andere hinzu.

Sie selbst sind Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten Selfpublishing-Autoren. Sie haben bereits mehr als 50 Bücher im Selfpublishing-Format veröffentlicht, etwa Sachbücher zu physikalischen Themen wie „Die faszinierende Welt der Quanten“ oder auch „Kindle – das inoffizielle Handbuch zu Kindle Paperwhite“. Wie kommen Sie dazu, derartig viele Bücher in einem solchen Format zu veröffentlichen? Was reizt Sie so am Selfpublishing?

Der Reiz des Selfpublishing ist definitiv der unmittelbare Zugang zum Leser. Ich entscheide, was ich schreibe, wie ich es präsentiere und vermarkte, und ich bin selbst dafür verantwortlich, das Buch meinen Lesern nahezubringen. Die Zahl meiner Veröffentlichungen scheint nur auf den ersten Blick groß. Beim E-Book sind zum Beispiel die Umfänge andere. Im physischen Buchhandel muss ein Sachbuch ja, damit es überhaupt ernstgenommen wird, wenigstens 200 Seiten haben. Das entfällt beim E-Book.

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Sie selbst schreiben nicht nur Bücher im Selfpublishing-Format, sondern betreiben dazu auch eine eigene Internetplattform: die Selfpublisherbibel. Auf dieser Interneplattform erfahren interessierte Leser so ziemlich alle Aspekte, die mit dem Schreiben von E-Books zusammenhängen: von der Erstellung eines Manuskripts, über Tools zum Formatieren, bis hin zu Marketing und Vertrieb. Wie ist diese Plattform entstanden? Und wie finanzieren Sie dieses Projekt?

Die Selfpublisherbibel sollte ursprünglich ein echtes Buch werden, das ich per Crowdfunding finanzieren wollte. Das ist knapp gescheitert. Aber die Ressourcen (Domain, Logo und so weiter) gab es nun schon einmal, deshalb entschloss ich mich, mein Wissen dann eben nicht gegen Bezahlung, sondern umsonst abzugeben. Ich glaube an eine Art Karma – es hat sich bisher in meinem Leben immer ergeben, dass das, was ich weggegeben habe, in anderer Form zu mir zurückgekehrt ist. Oft sehr überraschend und in unerwarteter Form, aber da bin ich ganz offen und optimistisch. Die Website finanziert sich inzwischen teils durch Sponsoren, teils über die Vermarktung von Online-Kursen.

Sie selbst geben auch Online-Kurse auf Udemy zum Thema. Inwieweit lohnt es sich, auf Udemy solche Kurse anzubieten? Was würden Sie anderen Wissensarbeitern empfehlen, die auch selber solche Kurse anbieten wollen? Wie fängt man an?

Ich empfehle immer das Plattform-Prinzip: Etablieren Sie sich in einer Nische als Experte. Nutzen Sie Ihr Wissen nicht nur auf einem Weg, sondern auf möglichst viele Arten. Das erhöht die Effizienz Ihrer Arbeit enorm. Anfangen würde ich immer mit dem, womit ich mich am besten auskenne. Also als Journalist mit dem Schreiben, als Consultant mit Webinaren …

Sie sind außerdem noch als Programmleiter E-Book bei der Münchner Verlagsgruppe tätig, arbeiten als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin Focus, als Autor für Federwelt und Telepolis und geben auch Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse. Wie kriegen Sie das alles unter einem Hut? Planen Sie beispielsweise akribischer? Oder nutzen Sie spezielle Selbstmanagement-Tools?

Die Arbeitsstelle bei der Münchner Verlagsgruppe habe ich zum 31. Januar aufgegeben – um mich besser auf die anderen Felder konzentrieren zu können. Mein Selbstmanagement-Tool heißt Google Mail, das funktioniert für mich sehr gut. Ich versuche aber auch immer, effizient zu arbeiten, und ich bin kein Perfektionist.

„Ich empfehle immer das Plattform-Prinzip: Etablieren Sie sich in einer Nische als Experte. Nutzen Sie Ihr Wissen nicht nur auf einem Weg, sondern auf möglichst viele Arten.“

 

Matthias Matting

Schaut man sich empirische Studien zur Zukunft der Arbeit an, so wird es immer weniger Vollzeitbeschäftigungen geben und immer mehr der Normalfall sein, auch als Wissensarbeiter – als Mensch, der mit Kopf und Computer arbeitet –, seinen Lebensunterhalt aus verschiedenen Einkommensquellen zu generieren. Welche Strategie halten Sie dabei für sinnvoll? Sollte man sich beispielsweise zunächst spezialisieren und dann immer mehr eigene Produkte vertreiben, wenn man bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat?

Ganz genau. Es ist wichtig, dass potenzielle Kunden bei einem Thema zuerst an Sie denken. Das ist aussichtslos, wenn man sich zu hohe Ziele setzt. „Der“ SEO-Spezialist wird man in Deutschland heute nicht mehr werden können. Also braucht man zunächst ein Unterthema. Später kann ich mich dann an andere Themen herantasten. Neben der Selfpublisherbibel.de gibt es inzwischen zum Beispiel die Trainerbibel.de, die ein etwas anderes Thema (Selfpublishing von Online-Kursen) ähnlich aufgreift.

Dass Selfpublishing nicht nur für Amateure geeignet ist, zeigt die steigende Zahl etablierter Autoren, die bereits die Vorteile des Selfpublishing nutzen. Einer von ihnen: Der Journalist Markus Albers und sein Buch „Meconomy“. Die  Frage des Buches: Wie können wir mit eigenen Produkten zur Marke werden und die Vorteile nutzen, die uns das Internet bietet?

In Ihrem Online-Kurs auf Udemy „Selfpublishing: Ihr Autoren-Erfolg mit E-Books“ ist auch ein Kapitel zum Thema Marketing enthalten. Darin empfehlen Sie, am besten bereits parallel zum Schreibprozess mit dem Marketing eines E-Books zu beginnen. Können Sie das einmal an einem Beispiel erläutern?

Marketing-Maßnahmen brauchen immer etwas Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Das liegt unter anderem an Googles Algorithmen. Wenn ich etwa ein Buch zum Thema „Optimale Twitter-Anzeigen“ schreiben würde, würde ich zuallererst eine passende Website dazu aufsetzen und schon während der Arbeit am Buch regelmäßig zum Thema posten, und zwar keine Werbung, sondern nützliche Inhalte. Parallel würde ich meinen Newsletter ausbauen. Wenn mein Buch dann ein halbes Jahr später erscheint, habe ich das Sichtbarkeitsproblem zumindest teilweise schon gelöst. Die Newsletter-Empfänger kaufen vielleicht als erste mein Buch, dadurch steigt es in den Amazon Rankings, und meine nützlichen Website-Inhalte verschaffen mir eine gute Position bei Google.

Zunächst brauche ich natürlich ein gutes Buch. Aber wenn niemand davon erfährt, bringt es mich meinem Ziel nicht näher. Ich muss also Buch-Marketing betreiben. Das ist ein riesiges Thema für sich – wie schaffe ich es, dass mein E-Book sichtbar wird?

Besteht dabei nicht auch die Gefahr, dass man sich zu stark verzettelt: Buch schreiben, Blog aufsetzen, potenzielle Zielgruppe aufbauen, Newsletter erstellen, die ganze Social Media-Kommunikation usw.? Was sollte man dabei beachten?

Ja, die Gefahr besteht, aber das Leben wäre ja anderenfalls langweilig. Die persönlichen Strategien fallen hier wohl sehr unterschiedlich aus. Mancher braucht Schreib-Vorgaben (bietet zum Beispiel Scrivener), ein anderer verliert unter Druck jegliche Kreativität. Hier muss jeder selbst ausprobieren, was das optimale Vorgehen ist.

Abschließende Frage: Was die Gestaltung anbelangt, so bestehen konventionelle E-Books aus viel Text und nur wenig Bildern. Dabei sind auch ganz andere Bücher denkbar, etwa beim Lesen auf dem Apple Tablet: hier gibt es auch bereits zahlreiche interaktive Magazine von Designern und E-Books, die auch Videos und Info-Grafiken enthalten, etwa multimediale Sachbücher zu den Grundlagen der Neurowissenschaft. Wie betrachten Sie diese Entwicklung?

Für mich ist ein E-Book nicht mehr und nicht weniger als ein Medium, nur in digitaler Form. Multimedia-Inhalte können eine sinnvolle Ergänzung darstellen, mehr aber nicht. Ein Buch, ob mit E oder ohne, ist ein Lese-Medium. Interaktionsmedien gibt es ja schon, und sie sehen viel besser aus als die meisten erweiterten E-Books – sie nennen sich Spiele beziehungsweise Apps. Manchmal spiele ich gern, ein andermal ist mir Lesen lieber.

Herr Matting, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Matthias Matting wurde im Rahmen des Buchprojekts „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ von Marcus Klug geführt. Das Sachbuch mit zusätzlichen Interviews erscheint im November 2016 als E-Book und Book on demand. Hier weitere Infos zu diesem Sachbuch.

bcmpress-2136-1Matthias Matting ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Selfpublishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch „Reise nach Fukushima“ erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis „derneuebuchpreis.de“ in der Kategorie Sachbuch. Besuchen Sie auch die Website „Die Selfpublisherbibel“.

Marcus Klug

Marcus Klug, geboren 1977, ist Redner, Blogger und Autor. Neben seiner Tätigkeit als Blogger und Formatentwickler für das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke hat er bereits vor über zwei Jahren damit begonnen, zusammen mit Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ zu schreiben, welches im März 2017 zum Buch des Monats erkoren wurde. Das Sachbuch bildet die Basis zu einem eigenen Expertenprogramm als Speaker: „Wissensabenteuer für die digitale Zukunft“. Mehr Infos unter: www.marcusklug.de.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für das spannende Interview.
    Haben Sie vielleicht einen informativen Link oder einen anderen Lesetipp zum Thema „interaktive Bücher“?

    Herzlichen Dank im Voraus und viele Grüße
    Huberta Weigl

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