Einladung zum Innehalten: Wege aus der ständigen Betriebsamkeit

The Apprentice: you're fired ? / Foto: Adam Foster | Codefor / Quelle: Flickr.com„Nur wer viel arbeitet, ist auch viel wert“. Ständige Betriebsamkeit ist in Deutschland längst zum neuen Statussymbol der Mittelschicht avanciert. Man kokettiert gerne damit, wie wenig Zeit man hat, wie anstrengend und anspruchsvoll der eigene Job ist. Dieser Trend kommt wie so häufig aus den USA. Der Begriff für dieses Phänomen lautet „busyness“ und hat es in den USA sogar schon zu einer regelrechten Tugend geschafft. Wer immer beschäftigt ist, signalisiert Status und Wichtigkeit. In dem Slate-Artikel „You’re not as busy as you say you are“ analysiert Hanna Rosim die Klage über fehlende Zeit als neues Distinktionsmerkmal der Mittelschicht, die sich durch permanenten Arbeitseinsatz behaupten muss.

Hinter „Being busy“ verbirgt sich anscheinend eine neue Angst der Mittelklasse. Plötzlich stellen wir fest, dass wir ständig beschäftigt sind und das auch noch insgeheim für gut befinden. Wie Hanna Rosim in ihrem Artikel schreibt, fällt es vor allen Frauen schwierig, abzuschalten und die ständig um Projekte kreisenden Gedanken zu beruhigen. Das kann dann soweit gehen, dass man selbt in Zeiten von Ruhe so wie Rosim gleich wieder Gefahr läuft, diese Situation zu einem weiteren Projekt zu machen. Jedenfalls befürchtet die Autorin, dass Sie durch die Benennung eines entspannten Zustandes gleich wieder einen Punkt auf Ihre To-Do Liste hinzufügt. „I believe that means I was being mindful, or maybe living in the moment or being present but I’m not sure. And I am not going to check because if I give it a name, then it will be just one more thing you feel obligated to do.“

Auch wenn dieses Problem wahrscheinlich ein wenig seltsam anmutet, gibt es tatsächlich diese Vielbeschäftigten, die wirklich Schwierigkeiten haben, abzuschalten. Und ich glaube, viele klassische Ansätze im Zeitmanagement oder Selbstmanagement helfen hier nicht weiter. Ich habe in meinen Seminaren manchmal Teilnehmer mit genau diesem Problem. Es fehlt nicht an Motivation und Energie, sondern es werden einfach sehr viele Projekte gleichzeitig verfolgt, und gerade in unseren Zeiten gibt es ja kein Ende an möglicher Arbeit, Selbstverwirklichung und Beschäftigungen. Sie lesen 20 Blogs? Warum nicht 200? Sie machen Sport neben der Arbeit, warum keine zweite oder dritte Sportart? Sie können sich also jederzeit soviel Projekte aufhalsen, dass sie in einer Woche völlig gestresst werden, und dabei natürlich voller Energie und Tatkraft erscheinen. Mit einem besseren Zeitmanagement packen Sie wahrscheinlich nur noch mehr Tätigkeiten in eine Stunde, am Stresslevel ändert das jedoch nichts.

Ich glaube bei „being busy“ braucht es einen anderen Ansatz. Anstatt weiter zu optimieren, ist es dann wichtiger, Perspektive zu gewinnen und Ihre vielen Beschäftigungen auszusortieren. Was ist Ihnen wirklich wichtig und was ist eher unwichtig in Ihrem Leben? Welche Projekte machen Sie nur für andere, welche Dinge verfolgen Sie aus Gewohnheiten und womit versuchen Sie nur andere zu beeindrucken? Sie müssen den Blick wechseln, weg vom Selbst- oder Zeitmanagement, hin zur strategischen Ebene. Und dabei können Ihnen vier Punkte helfen.

  1. Bestand aufnehmen. Zunächst ist es hilfreich, einfach mal Bestand aufzunehmen. Womit beschäftigen Sie sich jede Woche, jeden Monat. Was sind ihre deklarierten und was ihre undeklarierten Projekte? Und womit verbringen Sie die meiste Zeit am Tag und in der Woche?
  2. Lebenssziele bestimmen. Wo wollen Sie wirklich hin? Welche Visionen haben Sie von Ihrem Leben? Welche größeren Ziele schweben Ihnen vor, was macht Ihnen Spaß, was erfüllt Sie, was gibt Ihnen Sinn und was nicht?
  3. Meditation. Durch Meditation können Sie eine Perspektive auf Ihren Geist gewinnen und auf seine ständige Betriebsamkeit. Meditation ist primär keine Entspannungsübung (auch wenn Entspannung als Wirkung von Meditation entsteht), sondern eine Übung der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Mit Meditation können Sie sich also entschleunigen und dabei Ihre Wahrnehmung schärfen, womit sich Ihr Geist abgibt und wie er funktioniert.
  4. Hart priorisieren. Es führt nichts daran vorbei, wenn Sie wirklich entspannter und weniger geschäftig leben wollen, müssen Sie beginnen, gewisse Projekte aufzugeben und sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren. Das lernt man unter anderem in der Elternzeit, ich nenne dieses Vorgehen gerne „hartes Priorisieren“. Wenn Sie wirklich am Tag nur wenig Zeit haben, was wollen oder müssen Sie unbedingt erledigen? Es kann auch helfen, sich einfach künstlich Zeitknappheit zu schaffen, indem Sie sich verbindliche Deadlines setzen: Machen Sie einfach um 17 Uhr Schluss und  unternehmen Sie was Schönes mit Ihrer Familie. Sie zwingen sich nämlich dadurch, sich auf die wirklich wichtigen Dinge in Ihrem Leben zu konzentrieren.

​Du willst als Angestellter oder Selbständiger neben Deiner regulären Arbeit aus Deinem Wissen etwas Außergewöhnliches machen? Noch heute Dein persönliches Abenteuer digitale Zukunft starten? In dem Sachbuch "Morgen weiß ich mehr" von Michael Lindner und Marcus Klug, welches im März 2017 zum "Buch des Monats" erkoren wurde, erfährst Du auf systematische Weise, wie das funktioniert und lernst zahlreiche Menschen und Organisationen kennen, die schon heute digitalen Wandel sehr erfolgreich gestalten!

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.