Digitales Halbnomadentum (2): Die Bibliothek in der Cloud

Neben E-Mails gehört Lesen in vielen Berufen zum Alltag. Sachbücher, Dossiers, Fachartikel und Dokumente stapeln sich schnell auf dem Schreibtisch und füllen Regale. Wie lässt sich dieser berufliche Lesestoff einfacher digital organisieren? Welche Möglichkeiten bieten E-Book-Reader und Tablets für den Beruf? Im zweiten Teil dieser Serie beschäftige ich mich mit dem Thema „Digitales Lesen“.

Nach der digitalen Buchhaltung im letzten Artikel hat die Digitalisierung meiner Literatur hohe Priorität. Ich lese generell viel, sowohl beruflich, als auch privat, habe aber im Beruf keine bibliophilen Neigungen. Gerade bei Sachbüchern oder diversen Nachschlagewerken, die ich beruflich brauche, würde ich sehr gerne auf physische Texte verzichten und lieber eine digitale Bibliothek einrichten. Bis jetzt haben mich die vielen Detailfragen, die beim digitalen Lesen auftauchen und das Lesen am Bildschirm von diesem Schritt abgehalten. Auch wenn ich kleinere Texte auf dem Laptop lese, sind für mich längere Texte am Bildschirm eher anstrengend. Es gibt natürlich E-Book-Reader und Tablets für das digitale Lesen, aber funktioniert das auch für mich und meine Anforderungen? Neben dem reinen Leseprozess muss ich mir auch Gedanken über die Digitalisierung von Arbeitsprozessen machen, es entstehen bei mir immer Notizen und Hervorhebungen, auch diese sollten natürlich gleich digitalisiert und organisiert werden.

Im Prinzip ist es ganz einfach…

Das wäre meine zweite Überschrift für das digitale Lesen! Gerade zu Beginn tauchen viele Fragen auf, die man sich mit physischen Texten nie stellen muss. Die Grundidee ist sehr einfach und einleuchtend, Bücher und Aufsätze sind heute häufig in einem E-Book-Format oder als PDF erhältlich, warum also Raum mit Artikeln und Büchern vollstellen, wenn ich alles in einer Cloud ablegen kann? Im Prinzip ist es ganz einfach, bei der Umsetzung und den Details wird es aber schnell unübersichtlich.

Das geht schon bei den Formaten los, möchte man EPUB oder ein Amazonformat lesen? E-Book-Reader können nur bestimmtes Format lesen. Genauso sieht es mit dem Lesegerät auf, wird es ein E-Book-Reader oder ein Tablet? Dazu gibt es verschiedene Einschätzungen: E-Book-Reader sind für viele Menschen angenehmer zu lesen als Tablets. Dagegen spricht die größere Flexibilität von Computern, nicht zuletzt stellt sich beim digitalen Lesen die Frage, wie Sie Notizen verwalten, Bücher in einer Cloud abspeichern und auf verschiedenen Geräten verwalten.

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Ich begann mit einem Versuch zum digitalen Lesen und testet einen E-Book-Reader. Diese Geräte haben einen nicht strahlenden Bildschirm mit einem E-Ink-Display und sind für das Lesen optimiert. Die Buchstaben werden durch kleine Partikel gebildet und bleiben dann in ihrer Position. Dadurch ergibt sich ein papierähnlicher Eindruck der Seiten mit sehr geringen Stromverbrauch. E-Book-Reader brauchen keine Hintergrundstrahlung wie Tablets, was häufig als angenehmer empfunden wird, als das Lesen am Computerbildschirm. Vom Lesekomfort spricht einiges für E-Book-Reader. Gegen sie die fehlende Einbindung in die übliche Computerinfrastruktur, da die Geräte stark auf das Lesen spezialisiert sind.

Meine ersten Erfahrungen

Zeit für ein Experiment. Zunächst muss man sich bei E-Book-Readern zwischen Amazon und dem ganzen Rest entscheiden. Amazon hat mit dem Kindle einen der Standardreader auf den Markt gebracht. Diese Geräte können allerdings nur das Amazonformat lesen und PDFs. Daneben gibt es das andere Segment, das auf EPUB setzt, und in Deutschland von Tolino dominiert wird. EPUB ist ein freies Format, das von vielem Readern gelesen werden kann, außer von den Kindlegeräten. Zum EPUB-Segment gehört neben Tolino auch Kobo, Pocketbook und ein paar kleinere Hersteller. Eine erste schwierige Entscheidung!

Meine Entscheidung fiel auf EPUB, aus zwei Gründen. Die deutschen Bibliotheken bieten für EPUB die Onleihe an, einen digitalen Ausleihservice. Da ich beruflich häufiger Bücher ausleihe, ist das für mich ein interessanter Zusatznutzen. Zweitens handelt es sich bei EPUB um ein freies Format, das erscheint mir generell sinnvoller als ein kommerzielles Format für E-Books. Ich muss mich mit einem freien Format nicht auf einen Lieferanten, also Amazon einlassen, sondern kann Bücher aus verschiedenen Quellen besorgen. Auch scheint es mehr wissenschaftliche Bücher auf EPUB zu geben, das sind für mich handfeste Gründe für EPUB und gegen die kommerziellen Formate von Amazon.

Letztendlich habe ich mich für einen Kobo-Reader entschieden, da das Gerät einen etwas größeren Bildschirm hat als andere E-Book-Reader. Ich wollte testen, wie man PDFs lesen kann und suchte deshalb einen Reader, der PDFs auf einer Seite darstellen kann. Die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Geräten scheinen nur noch marginal zu sein, es gibt viele Tests und Vergleiche im Internet. Für die Verwaltung meiner Literatur möchte ich Calibre einsetzen. Calibre gilt als Standardprogramm für die E-Bookverwaltung, lässt sich mit vielen Readern synchronisieren und kann auch PDFs und verschiedene Formate verwalten. Wenigstens das war eine einfache Entscheidung, bei den Verwaltungsprogrammen für digitale Bücher führt anscheinend kein Weg an Calibre vorbei, zu dem Programm gleich mehr.

Lesen mit dem E-Book-Reader

Die Nutzung des E-Book-Readers war sehr einfach und intuitiv. Nach dem Auspacken und Anmelden bei Kobo, konnte ich sehr schnell erste Bücher einkaufen. Entweder Sie nutzen den internen Shop im Gerät, oder Sie beziehen die Bücher aus anderen Quellen und übertragen Sie mit Calibre auf Ihren Reader. Das geht ganz gut, nach der Installation eines Plugins hatte ich keine Probleme mit der Übertragung auf den Reader. Das Lesen selbst gestaltete sich unproblematisch, die Darstellung ist gestochen scharf, mit dem integrierten Licht kann man ohne Problem auch Abends lesen und ich habe mich sehr schnell an das Lesen auf dem Bildschirm gewöhnt. Die Seiten sehen tatsächlich wie echte Buchseiten aus, die Buchstaben formieren sich bei jedem Umblättern einfach neu. Nach kurzer Eingewöhnung fühlte sich das Lesen genauso an wie das Lesen auf dem Papier.

Vom Lesekomfort ist ein E-Book-Reader wahrscheinlich unübertroffen, für das berufliche Lesen kommt er für mich dennoch nicht in Frage. Anmerkungen und Markierungen kann man zwar ohne Schwierigkeiten erstellen, aber das Lesen von PDFs ist einfach eine Qual. PDFs laden langsam, können nicht markiert werden und lassen sich nur mühsam skalieren. Zwar soll es E-Book-Reader mit einer besseren PDF Darstellung geben, der Arbeitsablauf für das berufliche Lesen, mit Anmerkungen und Notizen ist mir mit einem E-Book-Reader aber einfach zu umständlich. Die Notizen müssten wieder mit dem Computer synchronisiert werden, damit sie genutzt werden können. Ich möchte Notizen zu gelesenen Büchern sehr gerne in anderen Programmen, wie Evernote oder Zotero, weiterverwalten, damit ich sie später beim Schreiben nutzen kann.

Mein erstes Zwischenfazit für das digitale Lesen im Beruf wäre folgendes: Wenn Sie mit wenigen Büchern arbeiten, nur einige Nachschlagewerke haben und diese Bücher in einem E-Book-Format vorhanden sind, dann spricht nichts gegen einen E-Book-Reader. Ob ein Kindle oder einen EPUB-Reader, das wäre dann die Entscheidung, die Sie treffen müssten. Wenn Sie Bücher digital ausleihen wollen, dann führt kein Weg an EPUB vorbei und Sie können einen Tolino, Kobo oder Pocketbook kaufen, ansonsten sind die Kindle-Geräte genauso gut geeignet.

Die Handhabung und der Leseeindruck sind tadellos, die Reader scheinen technisch ausgereift zu sein. Ich hatte jetzt noch einen Tolino-Reader der letzten Generation in der Hand und beide Geräte sind ähnlich gut bei der Textdarstellung und im Lesekomfort. Sie bekommen heute schon für einen geringen Betrag ein gutes Einstiegsgerät. Das wäre meine Empfehlung bei wenigen Texten. Anders sieht es aus, wenn Sie viel für den Beruf lesen, mit digitalen Anmerkungen arbeiten wollen und viele PDF-Dokumente haben. In diesem Fall ist ein Tablet sicher das sinnvollere Gerät. Generell bin ich froh, den Reader gekauft zu haben. Ich werde ihn privat nutzen, das Gerät ist sehr leicht und handlich und ich finde es äußert praktisch.

Die Bibliothek in der Cloud

Bei den Lesegeräten muss ich mich also genauer mit Tablets für das Lesen beschäftigen. Es gibt inzwischen gute Modelle, mit einem guten Display, ein Test wird noch folgen. Bei der Verwaltung von E-Books ist es generell sinnvoll, die Bücher mit einem Programm zu verwalten und in der Cloud zu speichern, unabhängig davon, welches Lesegerät Sie verwenden. Ganz egal, ob Sie einen E-Book-Reader nutzen oder auf einem Tablet lesen: Wenn Sie Ihre Bücher lokal speichern würden, dann müssten Sie die Dateien immer wieder hin- und her kopieren, wenn Sie ein neues Gerät nutzen.

Für die E-Book-Verwaltung stößt man immer wieder auf das freie Verwaltungsprogramm Calibre. Sie finden auf den Seiten von Papierlos Lesen einen ausführliche Einführung in das Programm. Die Oberfläche sieht zugegeben ziemlich altbacken aus, es ist eine freie Software und das Design ist offensichtlich nicht die Top-Priorität der Entwickler, das Programm tut aber was es soll. Sie können mit Calibre Ihre Bücher in einer Cloud wie Dropbox oder Google oder einem anderen Onlinespeicher ablegen. Die Bücher lassen sich verschlagworten und in verschiedene Regalen oder Serien sortieren. Sie können also mit dem Tool auch eine größere digitale Bibliothek verwalten und über verschiedene Geräte hinweg synchronisieren.

Calibre verwaltet auch PDFs und Sie können verschiedene Geräte mit Calibre verbinden. Das geht bei E-Book-Reader mit einem USB Kabeln. Für das Lesen mit mobilen Geräten lässt sich Calibre auch drahtlos via W-LAN mit einem Tablet oder einem Smartphone synchronisieren. Calibre unterstützt den Export in die Literaturverwaltung, das ist für mich wichtig, da ich so die bibliographischen Informationen zu einer Bibliothek mit Zotero oder Citavi verarbeiten kann. Alles in allem ist Calibre ein sehr gutes Programm zur Verwaltung  digitaler Bücher und ich werde es sicher nutzen, um meine berufliche Bibliothek zu verwalten. Die Frage nach einem geeigneten Lesegerät bleibt für mich noch offen, ich werde mich in der nächsten Woche auf dem Tabletmarkt umsehen. Vielleicht haben Sie noch Tipps und Hinweise zu einem guten Tablet für das digitale Lesen?

Fazit: Nach meinem ersten Erfolg mit der digitalen Buchhaltung ist das digitale Lesen ein kleiner Dämpfer. Zu Beginn scheint es doch recht kompliziert zu sein, vor allem muss man viele Entscheidungen treffen und sich mit Geräten und Programmen auseinandersetzen. Ich bin trotzdem weiter guter Dinge. Wenn eine digitale Bibliothek einmal eingerichtet ist, lassen sich Texte sicher einfacher bearbeiten und meine Organisation wird mobiler. Ich bleibe am Thema dran und schreibe über die nächsten Schritte in den nächsten Beiträgen.

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

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