Die Mediendiät – oder wie nutze ich das Internet sinnvoll?

Geschichten über Internetauszeiten erregen viel Aufsehen. Axel Rühe von der Süddeutschen Zeitung verzichtete ein halbes Jahr auf das Internet, Paul Miller, Autor bei the Verge, war jüngst sogar ein ganzes Jahr offline (I’m still here). Solche Versuche sind spektakulär und fördern – wer hätte das gedacht – zu Tage, dass es irgendwie auch geht, so ein Leben ohne Onlinekommunikation. Mehr Erkenntnisse gewinnt man durch diese Experimente aber dann auch nicht, denn wir stehen im normalen Berufsleben 2013 eben nicht vor der Wahl, ob wir das Internet nutzen wollen oder nicht.

Christian Müller beschreibt das sehr gut in seinem Artikel „Medienkompetenz statt abschalten“, heute geht es eben nicht darum, kein Internet zu nutzen, sondern wie wir das Internet in unserem heutigen Arbeitsleben effizient integrieren können. Als Medium bietet das Internet zwar eine Vielzahl von Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten, dabei aber wenig Strukturiertheit, um mit der gewaltigen Informationsmasse richtig umgehen zu können. Wir sind heute mit einem Überangebot von Informationen und veröffentlichten Meinungen konfrontiert, deshalb müssen wir neu lernen, Informationen richtig auszuwählen und unseren Medienkonsum sinnvoll einzuschränken. Das bedeutet auch mehr Eigenverantwortung. Wir müssen selbst bestimmen, welche Medien wir konsumieren, in welchem Maß und vor allem: zu welchem Zweck.

Der Ansatzpunkt für eine solche Mediendiät ist schlicht die Frage: „Was möchte ich am Tag in meinen Kopf lassen?“ Welche Quellen brauche ich wirklich, was ist für mich wichtig, beruflich oder privat, welche Medienangebote brauche ich täglich und in welchem Ausmaß? Für die meisten Internetnutzer geht es wahrscheinlich konkret um die folgenden Kanäle: E-Mails, Blogs/Nachrichten und Social Media Angebote.

E-Mails. Für E-Mails ist es sinnvoll, den Eingangsordner wirklich jeden Tag mindestens einmal zu leeren. Das heißt, regelmäßig jede Mail, die am Tag reinkommt lesen, beantworten oder die anstehenden Aufgaben organisieren. Mails, die ich bearbeitet habe, verschiebe ich in einen Archivordner, dieser Punkt ist sehr wichtig, weil ansonsten die Inbox immer voller wird und man schnell die wichtigen Punkte aus den Augen verliert. Mit diesem Verfahren kann ich schnell auf E-Mails antworten und ich habe vor allem nur die Mails vor Augen, die ich konkret beantworten muss. Wenn man E-Mails auf dieses Weise bearbeitet, setzt das einen eigenen Rhythmus voraus, man sollte sich wirklich Zeit nehmen für das Beantworten von Mails. Das bedeutet: Keine Benachrichtigungsfunktionen aktivieren, die stören nur den Arbeitsrhythmus. E-Mails immer nur dann anschauen, wenn man wirklich Zeit dazu hat, sie zu beantworten. Ich fahre ganz gut mit einem Rhythmus von zweimal am Tag an ruhigeren Zeiten, und dreimal E-Mails prüfen, wenn mehr los ist. Die Frequenz ist persönlich unterschiedlich und für jede Person, je nach beruflichen Anforderungen etwas unterschiedlich.

Blogs/Nachrichten. Bei mir bilden Blogs das Rückrat meines Nachrichtenstroms. Über Blogs oder Nachrichtenseiten beziehe ich jeden Tag die wichtigsten Informationen, ohne die typischen Ablenkungen auf sozialen Netzwerken. Mit einer Auswahl an wichtigen Nachrichtenquellen bekommt man wirklich nur die wichtigen Stories mit, da Nachrichtenseiten und Blogs (viele zumindest) einen bestimmten thematischen Fokus haben. Die Organisation von regelmäßigen Nachrichtenseiten funktioniert am besten mit einem RSS-Feed Reader. Ein solches Programm oder Internetdienst stellt alle Aktualisierungen von abonnierten Seiten dar, dadurch hat man jeden Tag alle Neuigkeiten im Überblick, ohne jede Seite einzeln aufrufen zu müssen. Eine Zeit lang hatte ich mit verschiedenen Programmen experimentiert, mit freien Feed-Readern wie Liferea oder FeedReader. Inzwischen sind für mich Online-Reader am praktikabelsten, nach der Ankündigung der baldigen Einstellung des Google-Readers bin ich ganz zufrieden mit dem Old Reader. Andere Alternativen sind Newsblur oder Feedly, der letztere ist auch graphisch sehr gelungen, es fehlt aber noch (30.05.2013) die Möglichkeit, abonnierte Quellen zu importieren und zu exportieren. Einen ausführlichen Artikel zu den Alternativen zum Google-Reader gibt es hier.

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Welchen Dienst man auch nutzt, ist zum Teil auch Geschmackssache. Wichtiger ist es, die abonnierten Quellen so zu strukturieren, dass man zwischen den wichtigen, täglichen Informationsquellen und den weniger wichtigen unterscheidet, die man in unregelmäßigen Abständen ansieht. Eine brauchbare Ordnerstruktur eines Feed-Reader könnte dann folgendermaßen aussehen (die Inspiration dazu kam mir durch das Buch Bit Literacy von Mark Hurst).

  • Shortlist: Hier sammle ich nur eine begrenzte Anzahl von Quellen (maximal 20), die ich jeden Tag lese. Bei mir sind das vor allem Nachrichtenseiten und Seiten zu den Themen Technik und Kommunikation.
  • Longlist: Hier kommen die Quellen rein, die ich unregelmäßiger, ungefähr einmal die Woche prüfe. Bei mir sind das die Themen Gesellschaft und Philosophie.
  • Recherche: Quellen für die Recherche, die ich aber nicht unbedingt täglich brauche, in dieser Kategorie sammle ich Quellen, die für mich zeitweise wichtig sind, die ich aber nur nach Bedarf brauche. Das wären bei bei mir etwa das Thema Nachhaltigkeit , Crowdsourcing u.ä.
  • Beobachtung: Hier lege ich zunächst die neu aufgenommen Quellen ab. Ich gehe diesen Ordner alle paar Wochen durch und entscheide dann, wo ich die Quelle einordne oder ob ich sie aussortiere.

Wichtig bei diesem System ist es, klar zu entscheiden, wo man welche Quelle ablegt, und wirklich nur diejenigen durchsehen, die man braucht. Am Ende des Tages sollte man alle noch offenen Artikel als gelesen markieren – das hat denselben Effekt wie die leere Inbox im E-Mailprogramm, man startet ohne Informationsflut am nächsten Tag. In meiner Routine bearbeite ich den Feedreader im Anschluss an meine E-Mails. Was passiert mit den Artikeln? Häufig, besonders zu Stoßzeiten, habe ich kaum Gelegenheit die Artikel gründlicher zu lesen. Beim Sichten verarbeite ich wichtige Artikel dennoch sofort weiter. Wenn ich einen Beitrag später brauche, in meinem Fall sind das vor allem Beiträge zum Thema Social Media, Blogging oder wirtschaftsethische Themen, lege ich ihn einfach in meinen Evernote-Account ab und von dort aus kann ich ihn unkompliziert später lesen und weiter einsetzen. Ähnlich wie Evernote funktioniert Pocket – read it later, dieser Dienst versteht sich als Sammelstelle für Artikel, die man später lesen möchte. Mit dieser Organisation von RSS- Feeds habe ich aktuelle Entwicklungen immer im Blick, ohne von zu vielen Informationen überrollt zu werden.

Social Media. Ich schätze an Social Media vor allem die Möglichkeit, Dinge zu entdecken und sich zu vernetzten. Im Augenblick bin ich vor allem auf Twitter, Facebook und Google + aktiv, in dieser Reihenfolge. Aber wirklich effizient mit Social Media umzugehen ist tatsächlich eine Herausforderung. Ich versuche mir klar zu machen, wozu ich den Dienst im Augenblick wirklich brauche: Unterhaltung?, Recherche?, Kommunikation? Gerade die stärker inhaltlicher oder professioneller orientierten Netzwerke wie Google+, LinkedIn, XING oder auch Twitter eignen sich sehr gut dafür, zu Themen zu recherchieren, oder Kontakte zu Menschen zu pflegen. Typisch ist bei Social Media die Mischung aus Trivialem, Unterhaltung und wichtigen Informationen und die recht hohe Aktualisierungsfrequenz, insbesondere auf Twitter, wodurch manchmal wirklich viele Informationen auf den Social Media Kanälen zusammenkommen.

Das Wichtigste beim Informationsmanagement eines Social Media Streams ist, zu verstehen, dass sich Social Media Nutzung häufig mit Freizeit überschneidet. Ich versuche die Zeiten für Social Media zu regulieren, ich nutze die Angebote selten am Morgen und auch nicht, wenn ich konzeptionelle oder komplexere Arbeiten habe. Für eine Mediendiät ist nach meiner Erfahrung hier vor allem wichtig, wann man welches Social Media Angebot nutzt und wofür. Also gerade Twitter oder auch zunehmend Google+ lassen sich sehr gut für thematische Recherchen nutzen, dann lässt sich Social Media auch in den Arbeitsalltag einbinden.

Für die Zeitökonomie sehr hilfreich sind für mich Automatisierungsdienste. Mit Hootsuite kann man Tweets und Postings vorbereiten und so zeitlich planen. Dadurch lässt sich eine Social Media Präsenz aufrecht erhalten, ohne ständig die Seiten einzeln pflegen zu müssen. Einen Überblick zu 10 wichtigen Social-Media-Dashboards gibt es auf dem Artikel von tn3. Eine alternative Möglichkeit zur Automatisierung, mit einem anderen Ansatz, bietet der Dienst IFTTT (If this then that). Mit diesem Web 2.0 Dienst kann man Aktionen im Social Web mit sogenannten „Rezepten“ automatisieren, die eine Wenn-Dann-Struktur haben. Wenn Aktion (a) passiert, dann führt das Rezept die damit verknüpfte Aktion (b) aus. Mit IFTTT kann man so etwa Benachrichtigungen zu Blogaktualisierungen automatisch über Facebook oder Twitter veröffentlichen. Man kann mit einer Wenn-Dann-Verknüpfung auch automatisch Links auf Dropbox bzw. Evernote speichern, die man in Twitter zu den Favoriten hinzugefügt hat oder eben Crosspostings zwischen verschiedenen Plattformen automatisieren.

Text: Michael Lindner

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Jeden Tag strömen gewaltige Fluten an Informationen auf uns ein. Menschen wollen uns sprechen, Fernsehen, Radio, Zeitungen, Magazine, Telefon, SMS, Fax, E-Mail, Facebook und Twitter buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Man könnte sich den ganzen Tag mit den hereinkommenden Informationen beschäftigen. Ein paar Minuten googeln, ein wenig Kontaktpflege auf den Social Media-Plattformen und schon sind zwei Stunden um. In manchen Branchen vergehen gerade mal 10 Minuten, ehe der nächste Anruf oder die nächste E-Mail einen aus der aktuellen Aufgabe herausreißen. Bei dieser Fülle an Informationen brauchen wir zum einen die Fähigkeit, die wirklich wichtigen Dinge herauszufiltern und zum anderen Techniken und Methoden, um diese effizient zu bewältigen. Genau darum geht es in dem Buch „Und täglich grüßt die Datenflut“ von Helgo Bretschneider, aus dem ich auf den nächsten Seiten einige Tipps vorstellen möchte. Mit zunehmender Informationsflut entwickelt sich unser Gehirn weiter. Heutige Gehirne haben sich der aktuellen Komplexität angepasst und können sie gut bewältigen. Allerdings führt zu hohe Dauerbelastung auch zu Stress und in der Folge zu Überlastung. Da wir ständig von vielen attraktiven Reizen umgeben sind, braucht es immer emotionalere Ereignisse, um unsere Aufmerksamkeit überhaupt noch zu fesseln. Unsere Wahrnehmung wird immer oberflächlicher. Nachrichten berichten deshalb sehr häufig von negativen Ereignissen, um ihre Einschaltquoten hoch zu halten.

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  2. Eine wirklich sehr gute Zusammenfassung, die alle wichtigen Bereiche anspricht. Backlink-Aufbau ist eine langfristige Angelegenheit, da sollte man nicht zu schnell die Segel streichen. Wer sich die oben genannten Punkte zur Brust nimmt, wird auf Dauer erfolgreich Backlinks aufbauen. Ein paar Monate Zeit sollte man aber schon mitbringen.

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