Die Logik des Misslingens: Den Blick für Zusammenhänge schärfen_Teil 1

Die Welt ist komplexer und vernetzter, als unser Intellekt erschließen kann. Anno 2013 könnten wir angesichts des Internets und der Globalisierung leicht zu der Annahme gelangen, dass die Grundthese von dem Psychologen Dietrich Dörner längst überholt ist. Aber ist das wirklich so?

In seinem Buch „Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen“ schilderte der Psychologe Dietrich Dörner Ende der 1990er Jahre ein bemerkenswertes Experiment: 48 Versuchspersonen bekamen die Aufgabe, über einen Zeitraum von 10 Jahren in die Rolle des Bürgermeisters zu schlüpfen, um innerhalb dieses Zeitraums die Geschicke der kleinen Stadt Lohhausen – mit 3700 Einwohnern, irgendwo in einem deutschen Mittelgebirge – zu lenken. Dabei handelt es sich bei Lohhausen um eine erfundene Kleinstadt. Die Zusammenhänge dieser Stadt wurden am Computer simuliert und repräsentierten ein dynamisches Modell zur Untersuchung der Denk- und Planungsmerkmale der 48 Versuchspersonen.

Stellen Sie sich vor, sie wären ab sofort zum Bürgermeister einer Kleinstadt wie Lohhausen ernannt worden und hätten zudem bei weitem mehr Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten, als sie jemals irgend jemandem in der Realität zur Verfügung stünden. Jetzt sollte ich Ihnen noch verraten, welche Variablen in Lohhausen die wichtigsten Einflussgrößen innerhalb des gesamten Systems über den Zeitraum von 10 Jahren bilden.

Dörner nennt folgende fünf kritischen Variablen:

  1. Kapital: Wie steht es um die ökonomische Situation von Lohhausen?
  2. Zufriedenheit: Sind die Bewohner der Stadt Lohhausen mit Ihrer Politik zufrieden?
  3. Produktion: Die Produktion ist in Lohhausen stark abhängig von der städtischen Uhrenfabrik
  4. Wohungssuchende: Existiert genügend Wohnraum? Stimmt das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage?
  5. Arbeitslose: Ist die Arbeitslosenzahl nie weit vom Nullpunkt entfernt?

Vielleicht haben Sie beim letzten Punkt – „Arbeitslose“ – nicht so ganz verstanden, was mit dem Nullpunkt gemeint ist. Dieser Punkt repräsentiert ein bestimmtes Zahlenverhältnis in diesem Experiment. Je weiter die Arbeitlosenzahl von dem Nullpunkt entfernt ist, desto kritischer ist der Verlauf dieser Variable einzuschätzen.

Lohhausen

In dem Planungsspiel von Dörner kommt es vor allem darauf an, die einzelnen Variablen nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern bei der Planung und dem Treffen von Entscheidungen komplexere Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Variablen zu beachten, die maßgeblich auf den Zustand des Gesamtsystems einwirken. Anders formuliert: Die Beziehung der einzelnen Elemente wirken auf das Gesamtsystem ein und verändern dessen Grundcharakteristik bei komplexen Entscheidungen.

Wenn Sie beispielweise in Ihrer Rolle als Bürgermeister die Steuern in Lohhausen erhöhen wollen, so nehmen Sie nicht einfach nur mehr Geld ein, sondern machen einige Ihrer Einwohner zugleich auch unzufriedener, was wiederum dafür sorgen kann, dass einzelne Einwohner aus Ihrer Stadt ausziehen werden und zukünftig lieber einen Wohnort wählen, wo die Steuern wesentlich günstiger ausfallen (Dörner 1995: 38). Bedenken sie also bei all Ihren Entscheidungen solche mulitkausalen Zusammenhänge.

„Multikausale Zusammenhänge“ bedeutet, dass eine Entscheidung nicht nur einen Einfluss auf eine bestimmte Variable ausübt, sondern auf mehrere Variablen zugleich: Mehr Steuern bedeutet somit nicht nur mehr „Kapital“ für Ihre Stadt, sondern die Erhöhung der Steuern wirkt sich zugleich möglicherweise auch auf die Variablen „Zufriedenheit“ und „Wohungssuchende“ aus.

Wie glauben Sie, sind die Versuchspersonen beim Lohhausen-Experiment mit den wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen solchen Variablen wie u. a. „Kapital“ und „Zufriedenheit“ zu Recht gekommen? Und von welchen Faktoren waren die spezifischen Verhaltensweisen der jeweiligen Versuchspersonen abhängig?

Dörner nennt in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“ Beispiele für das Verhalten von „schlechten“ Versuchsperson. Bei den „schlechten“ Versuchspersonen wurden einzelne Hypothesen in den meisten Fällen nicht mehr weiter durch Nachfragen überprüft, während die „guten“ Versuchspersonen ihre Hypothesen vielfach durch Nachfragen überprüften (Dörner 1995: 40). Weiterhin war bei den „schlechten“ Versuchspersonen auffällig, dass sie sich weniger für das kausale Netzwerk interessierten, in denen die einzelnen Entscheidungen und die daraus resultierenden Ereignisse eingebunden waren (Dörner 1995: 41).

Wurde beispielsweise berichtet, dass es viele Arbeitslose in Lohhausen gab, so nahmen die „schlechten“ Versuchspersonen diese Nachricht eher hin, als weiter nachzufragen, welche verschiedenen Ursachenquellen für die hohe Arbeislosenzahl herangezogen werden können. Damit im Einklang steht auch der Befund, dass „gute“ Versuchspersonen bei ihren Analysen mehr „in die Tiefe“ gingen als „schlechte“ Versuchspersonen (Dörner 1995: 41).

Eine „gute“ Versuchsperson reagierte eher folgendermaßen: „`So!? Wie viele sind es denn? (wie viele Arbeitslose?) Warum wandern die nicht auf Ausbildungsplätze in andere Gemeinden ab? Wie viele Ausbildungsplätze gibt es in den verschiedenen Branchen? Welche Berufswünsche haben die Jugendlichen? Ist das unterschiedlich für Männer und Frauen?´“ (Döner 1995: 41). Auch wechselten „schlechte“ Bürgermeister häufig die Themen, wenn sich bei einem bestimmten Problem zu viele Widerstände entgegenstellten (Dörner 1995: 41).

Passend zu dieser Verhaltensweise neigten diese Versuchspersonen auch eher dazu, sich bereits zu Beginn dieses Experiments mit nebensächlichen Entscheidungen zu beschäftigen, etwa mit solchen Entscheidungen, welche die Freizeitmöglichkeiten der Einwohner von Lohhausen betrafen. Die „guten“ Versuchspersonen erkannten dagegen schon recht frühzeitig, wo die tatsächlichen Probleme von Lohhausen lagen (Dörner 1995: 40).

Die Unzufriedenheit resultiert beispielsweise nicht zuallerst aus dem Angebot an Freizeitmöglichkeiten in Lohhausen. Es gibt andere, wichtigere Ursachenquellen, die einander wechselseitig bedingen: etwa höhere Steuern, erhöhte Arbeitslosigkeit und sinkende Einwohnerzahlen – je nach Entscheidungen.

Wie Menschen auf wachsende Komplexität reagieren

An dem Experiment von Dörner lässt sich gut belegen, wie stark komplexere Zusammenhänge beim Treffen von Entscheidungen zunächst außer Acht gelassen werden. Einfache kausale Verhältnisse, wie etwa die Vermutung, dass zwischen „Unzufriedenheit“ und „Arbeitslosigkeit“ ein Zusammenhang besteht, sind noch relativ einfach nachvollziehbar, während multikausale Zusammenhänge unser Denken wesentlich stärker beanspruchen.

Es ist bei multikausalen Zusammenhängen an sich nicht mehr möglich, einzelne Variablen in isolierter Form zu betrachten, ohne deren Abhängigkeit von anderen Variablen näher zu beleuchten. Aus der Alltagspsychologie wissen wir allerdings nur allzu gut, dass wir schnell einen kritischen Punkt in der Findung von Entscheidungen erreichen, an dem wir nicht mehr weiter kommen, ohne auf bestimmte Strategien zurückzugreifen: etwa auf die Strategie des Ausblendens.

Ein einfaches Beispiel dafür ist die Entscheidung für ein bestimmtes Produkt im Supermarkt: Wir wählen ein Produkt aus, was wir kennen, und blenden alle anderen Möglichkeiten aus, auch wenn es möglicherweise neben Nutella noch 40 andere ähnliche Aufstriche gibt. Diese Strategie bezeichnet der Systemtheoretiker Peter Kruse als „Ausblenden“.

„Das heißt, ich bleibe bei meinem alten Muster und das ist eine Fähigkeit, die Menschen sehr stark trainiert haben“, so Kruse. Aber welche unterschiedlichen Strategien sind bei Denk- und Entscheidungsprozessen in komplexeren Situationen ansonsten noch denkbar?

In einem Video-Interview auf YouTube kommentiert Peter Kruse verschiedene grundlegende Strategien im Umgang mit Komplexität. Klicken Sie auf das Video und erfahren Sie mehr!

Und was haben all diese Einsichten – insbesondere das Experiment von Dörner – mit komplexen Zusammenhängen zu tun, wie wir sie im Internet antreffen?

Genau mit dieser Fragestellung werden wir uns in dem nächsten Beitrag innerhalb dieser Serie beschäftigen.

Text: Marcus Klug

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Literatur:

  • Dietrich Dörner (1995): Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Hamburg: Rowohlt.

Marcus Klug

Marcus Klug ist als Speaker und Future Work Coach unterwegs. ​Er unterstützt Menschen und Organisationen, im Übergang zum digitalen Zeitalter auf intelligentere Weise zu lernen und zu arbeiten. Dazu hat er auch zusammen mit Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution“ geschrieben, welches im März 2017 zum Buch des Monats erkoren wurde. Mehr Infos unter: www.marcusklug.de.

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