Die Algorithmen und Wir

Eine nahe Zukunftsvision: Wir werden in Häusern mit virtuellen, intelligenten Assistenten leben, die unsere Bedürfnisse kennen, unsere Essensvorlieben, Schlafgewohnheiten und den Musikgeschmack.

Unsere Wünsche, Vorlieben und Neigungen werden statistisch erfasst und ausgewertet, um uns bessere Vorschlägen zu machen. Viel Mühe muss man sich in dieser Utopie nicht mehr machen, da der Computer bald besser wissen wird, welche Restaurants wir toll finden, welche Konzerte für uns in Frage kommen und was wir einkaufen sollen. An genau dieser Vision unseres Lebens arbeiten Computerwissenschaftler heute, aber welche Gestaltungsmacht möchte man den Computern und den Algorithmen zugestehen?

Die Idee für virtuelle Assistenten, die das alltägliche Leben komplett organisieren, gab es schon in den 1990er Jahren. Unter der Bezeichnung „Smarthouse“ wurde die Vision eines intelligenten Hauses entwickelt, in dem der Alltag weitgehend durch Informationssystemen organisiert wird. Heute arbeiten die großen Internetunternehmen ‒ allen voran Google und Facebook ‒ an der Vision einer durch Algorithmen strukturierten Umwelt. In welchen Bereichen automatische Datenauswertungen bereits selbstverständlich eingesetzt werden, kann man in dem Artikel Die Herrschaft der Algorithmen von Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur der c’t, nachlesen.

Dabei sind Algorithmen zunächst etwas relativ einfaches: Algorithmen sind Handlungsanweisungen, um ein Problem in endlich vielen Schritten zu lösen (Wikipedia). Dieses mathematische Verfahren ist in der Informatik wichtig, wo es häufig darum geht, bestimmte Berechnungsprobleme mit endlichen Schritten zu lösen. Heute werden Algorithmen in vielen verschiedenen Bereichen eingesetzt, als Verfahren in der Finanzmathematik, für maschinell erstellten Beurteilungen wie Kreditscore, und für automatisch erstellte Empfehlungen in sozialen Netzwerken oder Einkaufsplattformen haben sie in den letzten Jahren große Karriere gemacht.

Algorithmen sind offensichtlich so wichtig geworden, weil sie eine berechenbare Welt suggerieren, eine bessere, transparentere Welt durch mehr Wissen, mehr Daten und Informationen. Man kann viel genauer auf individuelle Bedürfnisse eingehen und Ereignisse besser vorhersagen und das ist natürlich eine schöne Utopie. Eine berechenbare Welt scheint viel sicherer zu sein, in ihr gibt es keine Unsicherheiten oder böse Überraschungen. Und natürlich ist das eine Illusion, wie werden weiter mit Unsicherheiten leben müssen, auch wenn es so scheint, als könnten wir alles vorhersagen und kontrollieren.

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Der massenhafte Einsatz von Algorithmn ist zunächst einmal nicht weiter problematisch, aber die Frage bleibt, wer eigentlich über ihren Einsatz entscheidet, ihre Funktion und ihre Auswirkungen? Welche Einflussmöglichkeiten werden wir als Verbraucher, als Bürger haben und welchen Einfluss hat eine Computertechnik, die aller Voraussicht nach unsere Leben sehr stark bestimmen wird? Bei den gesellschaftlichen Auswirkungen von Computertechnik geht es also zentral um die politische Frage, welche Mitbestimmungsmöglichkeiten wir in Zukunft über die Anwendung von Algorithmen und automatisierten Entscheidungssystemen haben werden und sollen.

Diese Diskussion wird unter der Überschrift „Algorithmen-Ethik“ geführt, es geht also darum, nach welchen ethischen Prinzipien Algorithmen eingesetzt werden sollen. Eine gut verständliche Einführung in diese etwas sperrige Thematik gibt es von Eli Pariser auf einer TED-Konferenz 2011:

Die Blase

Warum ist es wichtig, Algorithmen zum Gegenstand ethischer Reflexion zu machen? Ein erstes Problem ist die sogenannte Konsumentenblase. Algorithmen werden eingesetzt, um bessere Vorhersagen von individuellen Verhaltensweisen zu machen, die Idee ist hier,  je besser ein System über die Vorlieben einer Person Bescheid weiß, je besser die Konsumvorlieben erfasst werden können, desto „bessere“ Vorschläge kann das System machen. Und „besser“ meint hier einfach nur schlicht: besser angepasst an die bisherige Konsumgeschichte oder die Geschichte persönlicher Entscheidungen. Jeder kann also in seiner kleinen Nische glücklich werden, durch seine individuell angepasste Entscheidungshilfe.

Das Problem liegt hier darin, dass eine solche Vorauswahl durch intelligente Systeme zu einer Blase aus der eigenen Entscheidungsvergangenheit führen kann. Alles, was ich an Auswahl präsentiert bekomme, beruht auf meinen eigenen Entscheidungen der letzten Jahre. Und wo blieb dann Raum für Freiheit, Spontaneität, für Zufälle, oder die sogenannte Serendipität, also glückliche Zufälle, die meist überraschende Wendungen bringen? Welche Entwicklungsmöglichkeiten habe ich noch, welches Wandlungspotential wird Menschen zugestanden, wenn ein zentraler Zugang zur Umwelt mir alles durch die Linse meiner vergangenen persönlichen Vorlieben zeigt?

Was macht glücklich?

Hinter der Utopie einer smarten Umgebung steckt aber noch eine weitere Annahme, die zumindest fragwürdig ist. Was treibt denn die Forschung an den smarten Umgebungen an? Oder warum gehen wir eigentlich davon aus, dass die individuellere Gestaltung von Wunschbefriedigung gut ist? Hinter den ziemlich großspurigen Visionen vom Web 2.0 oder den Euphorikern von Big Data und Transparenz (Jeff Jarvis: Mehr Transparenz wagen, Max Höfer: Die Hippies von der NSA) steckt eigentlich die Vorstellung, durch eine immer bessere Informationsauswahl zu einer lebenswerteren Umgebung zu kommen, zu mehr Zufriedenheit. Eine extrem individualisierte Befriedigung von Bedürfnissen und eine vollkommene Transparenz führen also in diesem Denken zu mehr Glück oder zu einem zufriedeneren Leben.

Ich halte das für einen Mythos des Informationszeitalters. Die besser Anpassung an die eigenen Vorlieben oder die bessere Wunschbefriedigung kann zwar sicher einiges im Leben komfortabler gestalten, aber die perfekt auf meine Vorlieben angepasste Umwelt taugt zu einer wirklichen Vision für mehr Zufriedenheit eher nicht. Die neuere Glücksforschung erkennt immer mehr, dass für wirkliche Zufriedenheit immaterielle Faktoren wichtig sind, etwa ein gutes soziales Netz, eine gute Beziehung oder Sinn im eigenen Leben und Arbeiten (Der weite Weg zum Glück).

Und all diese Faktoren für persönliches Glück entstehen eben nicht durch das Leben in einer durchkalkulierten Konsumwelt, sondern durch intuitives Verständnis des eigenen Lebens, durch bessere Wahrnehmung und, im Fall der sozialen Beziehungen, vor allem dadurch, auf andere zugehen zu können und sie in ihre Unterschiedlichkeit auch sein lassen zu können.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: In vielen Bereichen sind natürlich auch Algorithmen wichtig und die Vernetzungsmöglichkeiten sind tatsächlich mit dem Web 2.0 gestiegen, was auch sehr positive Effekte hat. Aber warum sollten wir als Konsumenten nicht mehr Einfluss auf die Funktionsweise von Algorithmen haben?

Text: Michael Lindner

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

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