de.hypotheses.org: Ein Portal für Geisteswissenschaftler

Auch im Internet gehen die verschiedenen akademischen Fachkulturen unterschiedliche Wege. Die „zwei Kulturen„, also die technisch-naturwissenschaftlichen und künstlerisch-geisteswissenschaftlichen Fachkulturen, gehen anscheinend anders mit dem Internet um. Blogs und das Web 2.0 werden viel seltener von Geistes- und Kulturwissenschaftler genutzt als von den Kollegen in den Natur- oder Technikwissenschaften.

Das berichtete die Süddeutsche Zeitung am 13.03.2012, einen Ausschnitt des Artikels kann man in diesem Beitrag auf Google+ nachlesen. Dieser Befund erscheint merkwürdig, da gerade Blogs sich als Medium für den sprachlichen Austausch eignen. Es gibt im Internet auch eine Reihe von Literaturblogs, diese scheinen aber ein eher marginales Phänomen zu sein, zumindest wenn man nach den bliebtesten Blogthemen in Deutschland geht.

Für die Geisteswissenschaften gibt es seit diesem Jahr ein neues Angebot: de.hypotheses.org versammelt deutschsprachige geisteswissenschaftliche Blogs unter einer gemeinsamen Adresse. Die Plattform ist Ableger der französischen Initiative hypotheses.org, die eine Onlinecommunity und Publizierungsplattform für Geisteswissenschaftler im Internet ist. De.hypotheses.org versammelt verschiedene Blogs zu geisteswissenschaftlichen Themen und hat auch Funktionen einer „Community“. Die besten Artikel werden von der Redaktion auf der Startseite veröffentlicht, die Mitglieder der deutschsprachigen Redaktion sind Historiker und Literaturwissenschaftler an deutschen Universitäten. Auf einer Unterseite gibt es Schulungen, in denen  erläutert wird, wie man einen Wissenschaftsblog eröffnet, komplexe Inhalte für einen Blog aufbereitet und veröffentlicht. Ein eigener Wissenschaftsblog lässt sich auch über die Plattform aufsetzen, mit Hilfe eines Formulars auf der Startseite kann man den kompletten Blog mit Titel, Inhalt und Ausrichtung einrichten.

Warum aber tun sich Geisteswissenschaftler schwer mit Blogs? Das Web 2.0 scheint zum einen nicht der Fachkultur der Geisteswissenschaftler zu entsprechen. Die klassische Monographie ist nach wie vor in vielen Geisteswissenschaften die wichtigste Publikationsform. Vielleicht brauchen Geisteswissenschaftler aber auch andere sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten als Naturwissenschaftler: Es könnte sein, dass die Entwicklung einer geisteswissenschaftlichen Argumentation besser in Buchform gelingt, als in den eher schnellen und kurzen Formen des Internets. Diese Erklärung drückt vielleicht aber auch nur eine gewisse Grundskepsis gegenüber neuen Medien aus.

Mark Schloske bemerkte bereits 2008, dass sich Blogs in der Wissenschaft vor allem für die externe Kommunikation eignen und kein Ersatz für Fachzeitschriften sind. In seinem Artikel für die Wissenswerkstatt sieht er die Möglichkeiten für Blogs in der Wissenschaft zum einen in informeller interner Kommunikation und in der externen Kommunikation, also der Kommunikation mit einem interessierten „Laien“-Publikum. Ich glaube, dass sich gerade mit diesem letzten Punkt die klassischen Geisteswissenschaften schwertun. In der deutschen geisteswissenschaftlichen Fachkultur wird häufig ein Stil gepflegt, der eher für ein Fachpublikum lesbar ist.

Text: Michael Lindner

Michael Lindner

Dr. Michael Lindner ist Dozent für die Themen Selbstmanagement, Informationsmanagement und Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility. Er gibt Workshops und Seminare und unterstützt Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in Fragen der Selbstorganisation und dem effizienten Umgang mit dem Web 2.0. Treten Sie mit Michael Lindner in Kontakt. Sie interessieren sich für einzelne Seminarangebote? Hier geht es zu den Seminarangeboten. →

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